Zum Status quo der Analyse des Hochschulsystems
Transkription der Präsentation zum Status quo der Analyse des österreichischen Hochschulsystems anlässlich des Starts des Entwicklungsprozesses der Hochschulstrategie 2040 durch Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner am 3. Dezember 2025 in der Aula der Wissenschaften in Wien.
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Sehr geehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrte Damen und Herren, ich bedanke mich für die Gelegenheit, hier als Vorsitzender des Rates für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung über unseren Beitrag zur Hochschulstrategie 2040 sprechen zu dürfen.
Die Bundesregierung hat uns gebeten, eine Analyse des österreichischen Hochschulsystems, also eine Bewertung des Status quo, als eine Grundlage für die Entwicklung der Hochschulstrategie 2040 vorzunehmen. Ich bin sehr froh, dass ich hier schon Vorrednerinnen hatte – Frau Bundesministerin Holzleitner, Lisz Hirn – die beide deutlich gemacht haben, wie wichtig Hochschulen für eine moderne Gesellschaft sind.
„Hochschulen sind existenziell für die Innovationskraft und die Wirtschaft unseres Landes.“
Thomas Henzinger
Vorhin im Interview wurde ich gefragt, ob es auch im Jahr 2040 Hochschulen brauchen wird. Natürlich war das eine rhetorische Frage. Aber wir sollten sie trotzdem beantworten. Hochschulen sind wichtig aus mindestens zwei Gründen. Zum einen, und dazu haben wir schon einiges gehört, sind sie unerlässlicher Bestandteil einer resilienten Demokratie. Über einen zweiten Grund haben wir heute noch wenig gesprochen, weshalb ich ihn noch einmal ausdrücklich betonen möchte: Hochschulen sind existenziell für die Innovationskraft und die Wirtschaft unseres Landes.
Exzellente wissenschaftliche Ausbildung und innovative Forschung sind die Garanten für unseren Wohlstand. Unsere Hochschulen sind Österreichs Zukunft. Aber wie ist es um das österreichische Hochschulsystem gegenwärtig bestellt? Von welchem Status heraus wird es durch die künftige Hochschulstrategie bis 2040 transformiert? Das sind die Fragen, an denen wir uns in unserem Beitrag, also der Analyse des Hochschulsystems, orientieren. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe im FORWIT – Jörg Flecker, Theresia Vogel und als externen Experten Jürgen Janger (WIFO) – haben wir im September mit der Arbeit begonnen und uns zunächst einen Überblick verschafft.
Was sofort auffällt, ist die Komplexität des Systems. Hochschulen erfüllen viele unterschiedliche Aufgaben in unserer Gesellschaft. Wäre das System ein Unternehmen, würde man mehr Fokus einfordern. Aber die vielfältigen Aufgaben der Hochschulen sind alle von Bedeutung und Wichtigkeit, wir können nicht einfach diese und jene Aufgaben zugunsten anderer, vermeintlich wichtigerer streichen.
„Unsere Analyse folgt entlang der drei klassischen, zentralen Aufgaben: Lehre, Forschung und die dritte Mission.“
Thomas Henzinger
Wir haben entschieden, unsere Analyse entlang der drei klassischen, zentralen Aufgaben zu ordnen: Lehre, Forschung und die dritte Mission. In unserer Analyse unterteilen wir jede der drei Aufgaben nach zwei Wirkungsfeldern, für die sie jeweils Mehrwert bringen: einmal für die österreichische Gesellschaft und einmal für die wirtschaftliche Innovationskraft in unserem Land. Um die Leistungsfähigkeit des Systems zumindest annähernd messbar zu machen und international zu vergleichen, prüfen wir mögliche quantitative Indikatoren, die uns dabei helfen, jedes dieser sechs Wirkungsfelder belastbar zu analysieren.
Die Aufgabe der Lehre für unsere Gesellschaft ist es, die tertiäre Bildung eines möglichst breiten und diversen Anteils der Bevölkerung zu ermöglichen. Für die Bedarfe unserer Wirtschaft, und damit des Arbeitsmarktes, bietet sie moderne, hochqualitative Aus- und Weiterbildungsprogramme an.
Die Aufgabe der Forschung für die Gesellschaft ist es, neugiergetriebene Forschung auf höchstem Niveau zu ermöglichen und zur Erweiterung des globalen Wissens beizutragen. Das ist also das, was in Österreich allgemein unter der Bezeichnung Grundlagenforschung läuft. Hinsichtlich des wirtschaftlichen Wirkungsfeldes behandeln Hochschulen in ihrer Forschung relevante Fragen aus Wirtschaft und Gesellschaft.
Und schließlich die dritte Mission, deren Spektrum wohl das breiteste aller drei Aufgaben ist und für das man repräsentativ auswählen muss. Wir können aber durchaus postulieren, dass Österreichs Hochschulen regional und national als weltoffene Zentren des evidenzbasierten Diskurses wirken. Ich glaube, das ist eine wichtige Aufgabe der Hochschulen, die wir nicht unterschätzen dürfen.
Die dritte Mission unserer Hochschulen ist aber auch für unseren Wohlstand von essenzieller Bedeutung: Österreichs Hochschulen sind Ausgangsorte für wissensbasierte Innovation und neue unternehmerische Erfolge.
Das sind also die drei Aufgaben unserer Hochschulen und ihre sechs Wirkungsfelder.
Ich denke, es ist klar, dass, wir ein solides Hochschulsystem haben, das diese Aufgaben in vielen Bereichen durchaus gut erfüllt und das Stärken aufweist: freier Hochschulzugang, gute Berufsausbildung, exzellente Forscher:innen, vielfältige Wirtschaftskooperationen, das nach wie vor hohe gesellschaftliche Ansehen und natürlich das klare Bekenntnis der öffentlichen Hand zur Finanzierung der Hochschulen.
„Können wir davon ausgehen, dass unsere jetzigen Stärken auch in 15 Jahren noch Stärken sind?“
Thomas Henzinger
Aber reicht das für die Hochschule im Jahr 2040? Können wir davon ausgehen, dass unsere jetzigen Stärken auch in 15 Jahren noch Stärken sind, dass sie uns dann noch helfen, im internationalen Wettbewerb zu bestehen? Ich denke, wir müssen unsere Hochschulen bis dahin deutlich verbessert haben, denn Hochschule im Jahr 2040 kann nicht dieselbe sein wie die Hochschule im 20. Jahrhundert, um ihre zentralen Aufgaben wirkungsvoll zu erfüllen. Und daher glaube ich, dass wir uns klarmachen müssen, welche Herausforderungen, welche Schwächen wir angehen müssen. Einiges wurde bereits erwähnt, aber ich möchte noch einmal explizit darauf eingehen.
Wir im FORWIT sehen drei große Themenfelder, in denen es durchaus Verbesserungspotenzial gibt. Ich skizziere sie unter den folgenden Titeln: „Studieren in Österreich“, „Wie sieht Hochschule im Jahr 2040 aus?“ und „Finanzierung und Autonomie“.
Studieren in Österreich. Wir halten dieses Thema für besonders wichtig und haben bereits vor etwa einem Jahr eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Also schon lange, bevor es irgendein Gespräch über Hochschulanalyse oder Hochschulstrategie gab, oder die jetzige Bundesregierung.
Wenn Sie mit internationalen Akademiker:innen über Studieren in Österreich sprechen, dann wird Ihnen sehr schnell bewusst, wie einmalig unverbindlich hierzulande die organisatorischen Prozesse des Studierens im internationalen Vergleich sind. Wir sprechen trotzdem – oder gerade deswegen – von zwei klaren Herausforderungen: die geringe Hochschulquote und die geringe soziale Durchmischung. Ich denke, die Absicht im 21. Jahrhundert muss sein, die Hochschulquote, also den Anteil der Bevölkerung, der einen Hochschulabschluss hat, zu erhöhen. Das ist ein wesentlicher Beitrag für eine resiliente Demokratie, für unsere Innovationskraft und das Heben des Talentepotenzials in der Bevölkerung. Wenn Sie mit Expert:innen reden, werden Sie erfahren, dass Flexibilität am Arbeitsmarkt und Chancengleichheit von Menschen mit dem Bildungsgrad steigen. Und dabei reden wir nicht einmal darüber, welche Studienabschlüsse relevanter oder weniger relevant sind, oder welche Fachkräftebedarfe in der Industrie bestehen. Je mehr Bildung ein Mensch erfährt, umso lernfähiger wird er. Und Lernfähigkeit ist gerade in der heutigen Arbeitswelt, in der wir nicht wissen, wie die Berufsbilder in zehn, in zwanzig Jahren aussehen, eine maßgebliche, wenn nicht sogar die einzig wirklich verlässliche Kompetenz. Das gesellschaftliche Ziel muss sein, möglichst viele lernfähige Menschen im Land zu haben. Das schadet auch nicht unserer Demokratie, im Gegenteil.
Daher glaube ich – selbst wenn Leute sagen, das sei zu radikal –, dass wir uns das Ziel einer Hochschulquote von 50 % setzen sollten. Aktuell sind wir bei knapp der Hälfte. Wie kann man die Hochschulquote also wirksam erhöhen? Ich glaube, es gibt zwei ganz wichtige Hebel: Studium muss planbar und leistbar sein.
„Ich nenne hier das Problem der mangelnden Verbindlichkeit, und zwar von allen Seiten: den Studierenden, den Hochschulen, der Hochschulpolitik.“
Thomas Henzinger
Und beides betrifft vor allem bildungsfernere Schichten und Kinder aus nicht-akademischen Familien. Man überlegt sich zweimal, ob man studiert, wenn es nicht klar ist, wann das Studium abgeschlossen werden kann und ob man einen Nebenjob braucht. Ich würde mir wünschen, dass jede:r Studienanfänger:in nach drei Jahren einen Bachelorabschluss hat. Ich nenne hier das Problem der mangelnden Verbindlichkeit, und zwar von allen Seiten: den Studierenden, den Hochschulen, der Hochschulpolitik.
Wie sieht Hochschule im Jahr 2040 aus? Es hat niemand eine Glaskugel, aber es ist klar, dass wir ein dynamisches Hochschulsystem brauchen, das auf die Entwicklungen des demografischen, technologischen und auch geopolitischen Wandels reagiert und sich kontinuierlich selbst weiterentwickelt und verändert. Demografischer Wandel dürfte selbsterklärend sein. Technologischer Wandel ist auch klar: hier sprechen wir beispielsweise davon, dass sich das Studium noch weiter nach online verlagert und Lernen noch stärker von Inhalten weggeht, hin zu Kompetenzen. Warum geopolitisch? Es sind Generationen von Studierenden aus aller Welt in die USA gezogen. Jetzt sind diese Pfade in Frage gestellt. Das bietet eine Chance für Österreich. Wir sollten uns als Land überlegen, wie wir damit umgehen wollen.
Wir brauchen ein Hochschulsystem, das eine starke intrinsische Innovationsfähigkeit besitzt, das fähig ist, sich ohne Neugründungen zu reformieren, sich selbstständig zu erneuern und an extrinsische Wandelprozesse anzupassen. Ein Hochschulsystem, das dadurch international wettbewerbsfähig und so attraktiv wird, dass die besten Köpfe sich für Österreich entscheiden. Dazu müssen wir uns auch ehrlich über die Defizite der traditionellen akademischen Karrierepfade unterhalten, die zu einem guten Teil immer noch in der Strukturen der Universität des 20. Jahrhunderts verankert sind. Sie sind auch geprägt von Silos, kaum vorhandener vertikaler Durchlässigkeit.
Unser Ziel sollte sein, junge, wettbewerbsfähige Forscher:innen schnell und in relativ jungen Jahren in unabhängige, abgesicherte Stellen zu bekommen. Parallel dazu wäre es sinnvoll, auch weitere, wissenschaftsnahe Karrierepfade aufzubauen, für Tätigkeiten in der Lehre, in der Forschungsinfrastruktur, im Wissenschaftsmanagement, in der Wissenschaftskommunikation, im Technologietransfer. Das sind alles akademische Karrieren, die nicht die klassische Professur oder den Principal Investigator als Zielpunkt haben.
„Wie kann Finanzierung ein wirksames Anreizsystem schaffen, das Input und Output zusammendenkt?“
Thomas Henzinger
Kommen wir zum dritten und letzten Herausforderungsfeld: Finanzierung, Autonomie und wie diese beiden Aspekte zusammenspielen. Ich sehe hier erstens das Problem eines wirkungsarmen Verteilungsapparats, ein Phänomen, das wir auch in anderen Bereichen des österreichischen Forschungs-, Technologie- und Innovationssystems beobachten: Der Output hängt nicht direkt mit dem Input zusammen. Wie kann Finanzierung ein wirksames Anreizsystem schaffen, das Input und Output zusammendenkt, das Leistung belohnt und das kostenwahr mit tatsächlichen Zahlen plant und steuert?
Zweitens ist die institutionelle Markenbildung von Hochschulen ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Sie alle kennen Stanford oder Harvard oder Oxford. Die Institution ist die Marke, mit der auf dem Weltmarkt um Studierende geworben wird. Es ist nicht der Verbund von Institutionen, und es ist nicht das kleine Teilinstitut. Das alles verwässert die Marke und das wird in Österreich kaum verstanden. Wenn wir über 70 Hochschulinstitutionen in Österreich haben wollen, dann müssen die alle voneinander unterscheidbar sein – auch international gegenüber anderen Hochschulen. Sie sollten alle ihre eigene Marke formen und für eine bestimmte Gruppe von Studierenden attraktiv sein.
Neben den Hauptaufgaben der Lehre und Forschung ist es bei der Markenbildung – und darüber hinaus – wichtig, auf die Schnittstellen der Hochschulen zu achten, denn Hochschulen existieren nicht isoliert, sondern als lebendiger Teil mitten in der Gesellschaft. Wir sprechen hier von der Schnittstelle Schule zu Hochschule, der Schnittstelle Hochschule zur außenuniversitären Forschung und die Schnittstelle Hochschule zur Wirtschaft. Aber auch von der Schnittstelle Hochschule zu Verwaltung und Politik, Regionen und Gesellschaft und schließlich die internationale Schnittstelle Hochschule zu Europa und darüber hinaus.
Abschließend möchte ich Ihnen noch einen kurzen Ein- und Ausblick auf unseren Analyseprozess geben. Eine systemische Analyse gewinnt an Belastbarkeit, wenn der unabhängige Blick von außen und das Lernen von den Erfahrungen anderer Länder hinzugezogen wird. Um diesen wichtigen Aspekt in unserer Analyse zu berücksichtigen, konnten wir vier ausgewiesene Expert:innen für ein internationales Sounding Board gewinnen: Rachel Brooks (Professorin für Higher Education, University of Oxford), Lino Guzzella (ehemaliger Präsident der ETH Zürich), Ingvild Reymert (Hochschul- und Forschungspolitikwissenschaflerin, Oslo Metropolitan University) und Robert-Jan Smits (ehemaliger Präsident der TU Eindhoven und ehemaliger Generaldirektor für Forschung und Innovation der Europäischen Kommission). Das Sounding Board tritt am 5. Dezember erstmals hier in Wien zusammen. Eines der ersten Themen werden die Diskussion und Identifikation von aussagekräftigen und repräsentativen Indikatoren sein.
Es wird zwei weitere Arbeitssitzungen mit dem Sounding Board geben, die dritte Ende März. Wir hoffen, zeitnah im April unseren Bericht an Bundesministerin Holzleitner und die Bundesregierung zu übergeben.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
FORWIT/J. Zinner
FORWIT/Johannes Zinner
M. Wagner