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Das Innovationsparadoxon: Warum Forschung zu selten in die Verwertung kommt
2 Juli 2026
Österreichs FTI-System ist stark: Die F&E-Quote liegt bei 3,34 %, Wissenschaft und Wirtschaft kooperieren intensiv, und in Patenten oder Exportqualität schneidet das Land gut ab. Trotz dieser Stärken in der Wissensproduktion gelingt der Transfer in die Verwertung zu selten. Dieses Innovationsparadoxon, also die Transferlücke zwischen Forschung und Markt, ist eine der größten Schwächen des Standorts und hält die Wettbewerbsfähigkeit zurück.
In einem Working Paper haben wir uns auf Basis der Ergebnisse des FTI-Monitors 2026 und den Schlussfolgerungen einer Podiumsdiskussion mit Theresia Vogel und Georg Kopetz näher mit dem österreichischen Innovationsparadoxon beschäftigt, um seine Ursachen und mögliche Lösungsansätze zu identifizieren.
Systemische Defizite bremsen den Transfer, Industriestrategie unterstützt FTI-politische Hebel
Die Gründe sind systemisch. So fehlt es etwa an Risikokapital für Deep Tech und KI – Venture Capital macht nur 0,02 % des BIP aus, der EU-Durchschnitt liegt bei 0,06 %. Die KMU-dominierte Struktur kann Skalierung oft nicht allein finanzieren, und hohe Markteintrittsbarrieren sowie langsame Genehmigungsverfahren bremsen Innovationen zusätzlich aus. Gleichzeitig hinkt die Digitalisierung hinterher: Nur 28,7 % der KMU nutzen Technologien der Künstliche Intelligenz, Spitzenländer liegen bei rund 37 %. Vor allem aber fehlen durchgängige Pfade von der IP-Entscheidung über Prototypen und Pilotkunden bis zur internationalen Skalierung. Die öffentliche Beschaffung mit ihrem Volumen von € 70 Milliarden pro Jahr wird zudem zu wenig als Innovationshebel genutzt.
Die Industriestrategie Österreich 2035 liefert wichtige Impulse für das FTI-Systems: Ein Standortfonds soll privates Kapital mobilisieren, regulatorische Sandboxes Genehmigungen beschleunigen, und innovationsorientierte Beschaffung Leitmärkte schaffen. Unser Abgleich zeigt, dass keiner der relevanten FTI-politischen Hebel in der Industriestrategie Österreich 2035 gänzlich unberücksichtigt bleibt, aus FTI-systemischer Sicht aber noch bei einigen Aspekten neben Umsetzungs- vor allem Konkretisierungsbedarf besteht – etwa bei Spin-off- und IP-Prozessen, KI und Dateninnovation oder der verbindlichen Verknüpfung von Monitoring, Steuerung und Budgetentscheidungen.
Von der Förder- zur agilen Mobilisierungslogik
Entscheidend für die Wirksamkeit des österreichischen FTI-Systems ist ein Paradigmenwechsel von einer Förderlogik hin zu einer agilen Mobilisierungslogik, die öffentliche Mittel gezielt als Hebel für private Investitionen, Markteinführungen und Transformation einsetzt. Forschung, Finanzierung und Regulierung müssen als durchgängiger, aber nicht zwangsläufig linear gedachter Prozess gesteuert werden, damit aus Wissen tatsächliche Markt- und Skalierungserfolge entstehen.
Das bedeutet aber nicht, dass Österreich ein fremdes Innovationsmodell übernehmen soll, sondern sein eigenes, das viele Stärken und Vorteile aufweist, weiterentwickeln sollte. Aufbauend auf der starken KMU-Struktur und der breiten industriellen Basis müssen europäische Skalierung, private Risikokapitalmärkte und industrielle Leitmärkte in den Mittelpunkt rücken.
Innovationsparadoxon ist eine wirtschaftliche und politische Dringlichkeit
Das österreichische Innovationsparadoxon ist, wie nicht zuletzt das Working Paper zeigt, keine theoretische Debatte, sondern eine wirtschaftliche und politische Dringlichkeit. Wenn es gelingt, das Paradoxon zu lösen, können die Potenziale des österreichischen FTI-System freigesetzt werden – und so Österreichs Wohlstand, Souveränität und Zukunftsfähigkeit gestärkt werden.


MW/Mistral