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Schweden, Schweiz, Niederlande – und Österreich: Lernen von den besten Innovationssystemen Europas
16 September 2026
Bei den diesjährigen Technology Talks Austria hatte ich die besondere Gelegenheit, im Schlusspanel mit vier herausragenden Persönlichkeiten über nationale Innovationssysteme und ihren Beitrag zur europäischen Leistungsfähigkeit zu sprechen: mit Malin Frenning, CEO der Research Institutes of Sweden (RISE), mit Annelieke van der Giessen vom niederländischen Rat für Wissenschaft, Technologie und Innovation (AWTI), mit Dominique Foray, Professor Emeritus an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) und Mitglied des Schweizerischen Wissenschaftsrates, und mit Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung. Die Fragen, die uns verbanden, beschäftigt mich und meine Ratskolleg:innen auch im FORWIT täglich: Wie können wir Österreichs und Europas Innovationssystem wirksam stärken? Welche gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Beschaffenheiten helfen, welche hemmen?
Die Antworten waren ebenso gehaltvoll wie zahlreich. Deshalb möchte ich den erkenntnisreichen Austausch auf dem Panel reflektieren und jene vorgestellten Aspekte zusammenfassen, die aus meiner Sicht ganz wesentlich für die Leistungsfähigkeit Europas sind und aus der Perspektive kleiner Länder bzw. Volkswirtschaften kommend, für Österreich besonders interessant sind.
Schweden: Vertrauen, Kooperation, Internationalität – und Early Adopters

Malin Frenning (RISE)
© Katharina Schiffl
Malin Frenning hat uns erinnert, dass Schwedens Erfolg keine Selbstverständlichkeit ist. Um 1900 war das Land klein, ländlich und arm; 1,5 Millionen Schweden wanderten aus. Über Generationen entstand durch Investitionen in Bildung, starke öffentliche Institutionen und auf einer fortschrittlichen Industriebasis jenes Innovationssystem, das heute als führend in der EU gilt – mit Stockholm als innovativster Region Europas.
Vier kritische Faktoren hat sie hervorgehoben: (i) anhaltend hohes Vertrauen zwischen Bevölkerung, Institutionen und Technologie, (ii) enge Kooperation zwischen Wissenschaft, Industrie, Forschungsinstitutionen und öffentlichem Sektor, (iii) Internationalisierung, weil der Binnenmarkt schlicht zu klein war und (iv) Early Adopters.
Für mich war der letzte Faktor ein ganz wesentlicher: Schweden war bei Mobiltelefonen, Computern und Internet Vorreiter, die Bevölkerung wurde aktiviert und zum Testmarkt, der Nachfrage erzeugte und Unternehmen Raum zum Ausprobieren und Verbessern gab. Das entspricht genau der Idee, den Binnenmarkt als testbed zu nutzen, etwa über den vorkommerziellen Einkauf (Pre-Commercial Procurement). Wir haben diesen Ansatz in Österreich in Teilbereichen der Energietechnologien angewandt – ich bin überzeugt, dass dieses Instrument bei uns viel breiter entfaltet werden kann und soll. Ein wichtiger Pluspunkt dabei ist der wesentlich raschere Markteintritt dank einer Entwicklungsumgebung im Realmaßstab.
Niederlande: Nicht die Höhe der Mittel, sondern ihre Verwendung ist entscheidend

Annelieke van der Giessenl (AWTI)
© Valerie Maltseva
Annelieke van der Giessen forderte uns mit einer Beobachtung zum Nachdenken auf: Die Niederlande haben das europäische Ziel einer F&E-Quote von 3 % nie erreicht und belegen trotzdem Rang drei im European Innovation Scoreboard. Es kommt also offenbar weniger auf die Höhe der Mittel an als darauf, wie man sie einsetzt: stabile Grundfinanzierung für die Wissenschaft, generische Förderung für die Industrie, verbunden mit äußerst wettbewerbsorientierter Finanzierung für Missionen und Schlüsseltechnologien – definiert nicht von der Regierung, sondern in der Triple- und Quadruple-Helix, also gemeinschaftlich von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Zugleich war sie ungeschönt kritisch: Zu viel Innovationsaktivität konzentriert sich auf wenige Großunternehmen, alleine ASML investiert so viel in F&E wie die nächsten acht Unternehmen zusammen. Außerdem fehlt es an technischem Talent und auch die Niederlande sind vom Innovationsparadoxon betroffen: exzellente Wissenschaft und Forschung trifft auf Schwierigkeiten beim Transfer in Vermarktung und Skalierung. Die Antworten – eine Agentur für disruptive Innovation, eine nationale Investitionsbank, eine Talentstrategie, stärkerer Fokus auf öffentliche Beschaffung – sind nicht nur bei mir auf offene Ohren gestoßen.
Was ich an den Niederlanden bewundere, ist die kompromisslose Wettbewerbsmentalität: stolz sein auf das Erreichte, aber den Wettbewerb nicht scheuen. Dieser könnte auch in Österreich forciert werden. Umgekehrt, wie van der Giessen betonte, lernen die Niederlande derzeit von Österreich, die eigenen Ambitionen mit den europäischen besser zu verzahnen – ein schönes Beispiel dafür, dass hierzulande manches besser funktioniert als bei europäischen Innovationsführern. Dazu würde ich auch unsere Kultur der kooperativen Forschung zählen, also die Einbindung von Industrie, Forschungseinrichtungen und gerade auch von KMU in Forschungsprogramme. In einem Land, das zu über 99 Prozent aus KMU besteht, ist das ein signifikanter Erfolgsfaktor.
Schweiz: Zwei Säulen und die Kosten der kreativen Zerstörung

Dominique Foray (EPFL/SWR)
© Valerie Maltseva
In seinem ersten Argument beschrieb Dominique Foray die Schweiz als ein auf zwei Säulen aufbauendes System. Die erste Säule ist die Aufnahme neuer Technologien im ganzen Land, getragen von der dualen Berufsbildung, den Fachhochschulen – keine zweitklassigen Universitäten, sondern eigene Profile mit Professor:innen aus der Industrie – und Innovationsintermediären, die dieselbe Sprache sprechen wie KMU. Die KMU sind also nicht, wie Foray es formulierte, „home alone“, sondern tief integriert in ein reichhaltiges Ökosystem.
Die zweite Säule bilden exzellente forschungsstarke Universitäten, die Wissen und Talente hervorbringen. Europa hat nur vier Universitäten unter den Top 35 der Welt – ETH Zürich, TUM, LMU München, EPFL. In der Schweiz fließen fast 90 Prozent der öffentlichen Forschungsmittel an die Universitäten (in Österreich 60, in Deutschland und Frankreich rund 50 Prozent). Öffentliche Forschungsorganisationen sind für exzellente Forschungsuniversitäten aber kein Ersatz, nicht zuletzt, weil, wie er meinte, RTO keine globalen Talentemagnete sind, exzellente Universitäten aber sehr wohl. Diese Balance müssen wir auch bei uns offen diskutieren, denn im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe heißt die Währung „Exzellenz“.
Forays zweites Argument widmete sich dem Strukturwandel, der mich persönlich besonders beschäftigt: Transformation und radikale Innovation bedeuten kreative Zerstörung, und deren Kosten, gemessen in Monatsgehältern, hängen von der Arbeitsmarktregulierung ab – 2,5 Monate in der Schweiz und Dänemark, aber 31 in Deutschland und den Niederlanden, 38 in Frankreich, 52 in Italien, 62 in Spanien. Länder wie die Schweiz und Dänemark verfolgen die Strategie der Flexicurity, also Flexibilität plus ernsthaftem Wiederaufbau von Humankapital: Umschulung, Coaching, Netzwerke. Wo diese Kosten niedrig sind, steigen die Anreize, in disruptive Sektoren zu investieren. Transformation in neue Technologiefelder gelingt nur mit sozialer Begleitung – genau das fordern wir auch im FORWIT immer wieder ein. Hierzulande sprechen wir von fair transition, einem ebenfalls umfassenden Konzept.
Nicht zufällig übrigens war Flexicurity auch das am häufigsten genannte Wort in der Liveumfrage, welchem der am Panel diskutierten Themen das Publikum die größte Bedeutung beimisst.
Österreich: Innovationsparadoxon und eine Wirtschaftsstruktur mit Nachteil

Theresia Vogel (FORWIT)
© Valerie Maltseva
Österreich kann stolz sein auf seine F&E-Quote, der Input stimmt, die Wissensproduktion ist hervorragend. Unser Problem liegt auf dem Weg von der Forschung in den Markt, in Output. Dieses Innovationsparadoxon gründet in einer Reihe systemischer Defizite, wie insbesondere fehlender product-market fit, geringe speed to product und fehlende Nachhaltigkeit in der Finanzierung. Eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Gemengelage spielt unsere wirtschaftliche Struktur. Zwar haben alle auf diesem Panel vertretenen Länder einen KMU-Anteil von weit über 99 %, im Gegensatz zu Österreich gibt es dort aber auch sehr große, global agierende Unternehmen. Das lässt sich klar in Zahlen fassen: Die Marktkapitalisierung beträgt in der Schweiz rund $2,4 Billionen, in den Niederlanden $ 2,2 Billionen und in Schweden $ 1,4 Billionen. Österreich liegt mit rund $ 226 Milliarden weit abgeschlagen. Was uns fehlt, sind die großen, global agierenden Unternehmen, die KMU in F&E mitziehen.
Warum das relevant ist, hat Dominique Foray an anderer Stelle veranschaulicht: Entscheidend ist ihm zufolge nicht die relative Forschungsquote – denn wenn das BIP klein ist, reichen auch 4 % nicht aus, die für exzellente Forschung notwendige infrastrukturelle Größenordnung zur Verfügung zu stellen. Es kommt vielmehr auf die Größe der Sektoren an, die Spillover aufnehmen können. Beispielweise machen, wie Foray meinte, Novartis und Roche aus dem kleinen Basel einen Ort mit enormer internationaler Anziehungskraft. Und ich möchte ergänzen: Große Unternehmen sind auch Türöffner in die europäischen Forschungsprogramme, denn ohne sie ist es für KMU fast unmöglich, daran zu partizipieren. Mit ihnen aber kommen die KMU mit.
Europa: „Airbus der F&E“ statt 27 Parallelen

Georg Knill (Industriellenvereinigung)
© Valerie Maltseva
Georg Knill hat die europäische Dimension realistisch skizziert: Wir betreiben zu vieles 27-fach parallel – Regulierung, Finanzierung, Strategien. Die Vollendung des Binnenmarktes (inklusive Kapitalmarktunion) erachtete er als Voraussetzung für die EU27, um wirksam und enger zusammenzuarbeiten. Sein Bild eines Kräfte bündelnden „Airbus der F&E“, gezeichnet am Beispiel eines potenziellen europäischen Ziels, bis 2030 den ersten kommerziell verfügbaren Quantencomputer auf den Markt zu bringen, halte ich für sehr motivierend.
Gleichzeitig rief er ins Bewusstsein, woran solche Vorhaben oftmals scheitern: an nationalen Standortinteressen. Das gelte es zu überwinden, meinte Knill und rief dazu auf, outside the box zu denken und schneller zu handeln, inbesondere in der F&E-Politik. Malin Frenning ergänzte, dass jedes Land sich fragen muss, welche Stärken es in Europa einbringt – und dass europäische Förderung grenzüberschreitende Zusammenarbeit und geteilte Infrastrukturen deutlicher belohnen muss, um europäische Wertschöpfungsketten zu bauen.
Abschlussbotschaft: Exzellenz und Tempo
Zum Abschluss haben wir alle unseren wichtigsten Schritt für das kommende Jahr genannt. Für mich läuft alles auf ein Wort hinaus: Exzellenz. Europa muss die besten Köpfe weltweit anziehen – mit exzellenten Jobs, mit Freiheit der Wissenschaft und mit Stolz auf das, was wir hier bieten. Denn ohne exzellente Menschen kommen wir nicht mit neuen Produkten in den Markt. Ich habe mich über die Antworten der anderen gefreut: Annelieke van der Giessen mahnte, die Menschen mitzunehmen, die den Wandel tragen; Dominique Foray erinnerte daran, dass das BIP pro Kopf unser europäisches Wohlstandsniveau nicht abbildet und Produktivität der bessere Maßstab ist; Malin Frenning forderte, Daten, Technologie und Menschen als ein Gesamtsystem zu denken; und Georg Knill brachte es auf die Formel, die beide Tage der Technology Talks prägte: Tempo. Wir wissen längst, was zu tun ist. Jetzt müssen wir es mit der erforderlichen Geschwindigkeit und angezeigten Entschlossenheit umsetzen.

Valerie Maltseva