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EU Inc. – Chance für Österreichs Innovationssystem

2. Oktober 2026 — News

European Union

Die Mitglieder der FORWIT-Arbeitsgruppe Science to Business, die sich mit dem Transfer von Wissen in wirtschaftliche Verwertung befasst, rufen in einem offenen Brief die Bundesregierung auf, sich nicht zuletzt im Interesse des Innovationsstandorts Österreich in den EU-Verhandlungen für eine wirksame EU Inc. einzusetzen. Die unionsweite Rechtsform als sogenanntes 28. Regime adressiert u.a. die Skalierung innovativer Unternehmen – eine zentrale Schwachstelle auch des österreichischen Innovationssystems. Doch aus den Entwürfen geht hervor, dass zwei Kernstücke des Vorschlags der Europäischen Kommission zur Disposition stehen: das zentrale europäische Handelsregister und die standardisierte Beteiligung für Mitarbeiter:innen.

Österreichs Status quo: Skalierung als Schwachstelle im Innovationssystem

Österreich verfügt über eine leistungsfähige Forschungsbasis, deren wirtschaftliches Potenzial aber nur unzureichend in skalierbare Geschäftsmodelle überführt wird. Abgesehen von Defiziten an anderen Punkten im Wissenstransfer sind es insbesondere drei kritische Schwachstellen im Innovationssystem, die die erfolgreiche Verwertung von Forschungsergebnissen zurückhält: das Fehlen großer Ankerkunden, die schwache private Folgefinanzierung und schlechte Rahmenbedingungen für die Skalierung.

Der FTI-Monitor untermauert die Diagnose: Im Bereich Gründungen erreicht Österreich nur 52 % des Niveaus der Innovation Leaders. Die Venture Capital-Quote verharrt – mit einem einmaligen Ausreißer 2021 – auf einem langjährigen Niveau und liegt bei rund 0,03 % des BIP – weit entfernt vom Ziel der FTI-Strategie 2030 von 0,1 %. Und auch der Wert von Unicorns relativ zum BIP fällt mit hierzulande 1,36 % (rückläufig) nicht nur deutlich hinter die 3,19 % der Innovation Leaders zurück, sondern sogar hinter die EU27 mit 2,38 %. Ein ähnliches Bild zeigen junge und schnellwachsende Unternehmen.

Europäische Dimension: Letta, Draghi und die Tech Diaspora

Österreich steht damit nicht alleine: Enrico Letta diagnostizierte 2024 in seinem Bericht, dass die Konvergenz nationaler Rechtsordnungen zu langsam ist, um Größenvorteile zu realisieren – das US-Pro-Kopf-Einkommen stieg seit 1993 um fast 60 %, das europäische um weniger als 30 %. Ebenfalls im Jahr 2024 bezifferte wiederum Mario Draghi die Innovationslücke: Kein einziges der EU-Unternehmen mit über 100 Milliarden Euro Marktkapitalisierung wurde in den letzten fünfzig Jahren neu gegründet; nahezu 30 % der europäischen Unicorns verlagerten ihren Hauptsitz ins Ausland. Sein Bericht schlug als Maßnahme eine unionsweite Rechtsform mit einer einzigen, EU-weit gültigen digitalen Identität als 28. Regime vor.

Nicht nur skalierungsfähige und -willige Unternehmen wandern ab, auch europäische Talente zieht es von Europa weg: Laut dem Dealrooms European Diaspora Index haben in Europa aufgewachsene Gründer:innen außerhalb des Kontinents mehr als 400 Unicorns im Wert von rund 1,8 Billionen Dollar aufgebaut. Das Problem ist offensichtlich nicht mangelndes unternehmerisches Talent, sondern ein Ökosystem, das Gründen und Skalieren in Europa erschwert, anstatt es zu befördern.

Zwei Streichungen, zwei Kernstücke

Um diesen Abfluss von Talent, Wissen und Unternehmertum umzukehren, hat bereits der Draghi-Bericht eine neue Rechtsform gefordert. Die EU Inc. soll das nun umsetzen – aber damit diese Maßnahme wirksam werden kann, sind aus Sicht der FORWIT-Arbeitsgruppe alle fünf Elemente maßgeblich, die im Vorschlag der Kommission enthalten sind: ein zentrales europäisches Handelsregister, standardisierte Beteiligung für Mitarbeiter:innen, freie Wahl des Registrierungssitzes, Zugang für alle Unternehmen und die Geltung lokalen Arbeits- und Steuerrechts.

Ausgerechnet die ersten beiden Elemente stehen in den Verhandlungen zur Disposition. Das zentrale Register als einheitliche digitale Schnittstelle zu den Regierungen Europas ist der infrastrukturelle Kern einer tatsächlich paneuropäischen, wirkungsvollen EU Inc. – ohne ein solches Register entstünden 27 nationale Systeme, die die Wirtschaft nicht braucht. Es senkt Kosten, erhöht grenzüberschreitende Transparenz und erlaubt es, eine Infrastruktur einmal statt 27 mal für Europa zu entwickeln. Standardisierte Stock Options wiederum sind angesichts des Talentebedarfs ein Wettbewerbsfaktor, auf den Österreich und Europa nicht verzichten sollten.

Skalierung als drittes Defizit

Die Bundesregierung adressiert zwei der genannten Transferdefizite – fehlende Ankerkunden und Mangel an Risiko- und Wachstumskapital – bereits mit strategischer öffentlicher Beschaffung und der Errichtung eines Dachfonds. Eine wirksame EU Inc. würde das dritte schlagkräftig adressieren: Wenn es Österreich gemeinsam mit Europa schafft, eine wirksame EU Inc. zu realisieren, würde zusätzlich das Problem der Skalierung von innovativen Unternehmen am Standort schlagkräftig angesprochen. Für die Mitglieder der FORWIT-Arbeitsgruppe ist die EU Inc. eine once in a generation-Chance für Österreich und Europa.

In ihrem Brief hat die Arbeitsgruppe der Bundesregierung angeboten, die österreichische Position in Brüssel zu vertiefen und zu begleiten.

https://forwit.at/wp-content/uploads/2026/09/euinc-euc.jpg 900 1600 Martin Wagner https://forwit.at/wp-content/uploads/2025/10/FORWIT_Logo_Pfeil_kurz_weiss-1.svg Martin Wagner2026-10-02 06:30:172026-10-02 07:06:42EU Inc. – Chance für Österreichs Innovationssystem

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