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Kommentar

Evidenz, Expertise, Vertrauen: Was Politik heute wirklich braucht

1. April 2026

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Evidenzinformierte Politik ist mehr als ein Schlagwort – sie ist ein politisches Programm, das ursprünglich in der Gesundheitspolitik entwickelt wurde und heute quer durch Politikfelder wirkt. Gleichzeitig zeigt sich gerade in der österreichischen Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik (FTI), dass dieses Ideal nicht einfach „eins zu eins“ übernommen werden kann, sondern an die spezifischen Kontexte angepasst werden muss.

Evidenz ist aber auch nur eine Möglichkeit – unter mehreren – des Aufbereitens wissenschaftlichen Wissens für politisches Handeln. Ein anderes Format ist die Expertise. Zwischen den beiden Formaten gibt es klarerweise viele Übergänge. Wir als FORWIT sind ein Expert:innengremium. Wir beanspruchen für uns aber auch, mit Evidenz zu operieren. Was wir sehen, ist, Politikberatung, auch die wissenschaftliche, fungiert oftmals mit dem Format der Expertise und beruht stark auf Vertrauen in die Ratgeber:innen; idealerweise ist dabei viel Evidenz und wenig Eigeninteresse aufgenommen. Die Grenze zum Lobbyismus ist dabei fallbezogen zu beurteilen – als Beispiel könnte man diverse Denkfabriken mit einschlägigem Bias anführen. In diesem Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität positioniert sich der FORWIT und trägt unabhängig, systematisch und fundiert zur Weiterentwicklung der österreichischen FTI-Politik bei.

Dabei wird schnell klar: Es gibt nicht die eine Evidenz. Denn Evidenzen sind immer auch eingebettet in ein Betrachtungssystem. Es gibt zwar das Ideal, dass Evidenz möglichst hart und eindeutig sein muss – messbar, quantitativ, scheinbar unbestreitbar.  Aber erstens sind diese „harten“ Evidenzen oftmals nicht verfügbar – und dann besteht die Gefahr, dass man nur dort hinschaut, wo man diese Art von „harter Evidenz“ hat, und blendet andere Probleme und Herausforderungen damit aus. Zweitens sind auch „harte“ Evidenzen bei genauerer Betrachtung gar nicht so hart – Stichwort (regional)spezifische Definitionen oder Systemgrenzen. Und drittens gibt es mithin auch eine Reihe von „weichen“ Evidenzen, die ebenfalls ziemlich wichtig sind: Beobachtungen, historische Entwicklungen, Diskurse und Meinungen. Darüber hinaus wird letztlich jede politische Entscheidung auch andere Lebensbereiche mitberücksichtigen müssen, als nur den FTI-Bereich. Permanentes Beispiel derzeit sehen wir in der Verschränkung von Wirtschafts-, Industrie- und FTI-Politik. Oder, dann, wenn wissenschaftlicher Rat in einer akuten Krise eingeholt wird.

Die Kunst evidenzinformierter Politik besteht darin, diese unterschiedlichen Wissensformen produktiv miteinander zu verschränken, statt sie hierarchisch gegeneinander auszuspielen.

Wie wird harte Evidenz politisch wirksam?

Der FTI-Monitor des FORWIT zeigt exemplarisch, wie das gelingen kann – und wo die Herausforderungen liegen. Mit mehr als 200 Indikatoren – also sehr „harten“ Evidenzen – bildet er jährlich die Leistungsfähigkeit des österreichischen FTI-Systems im internationalen Vergleich ab. Als datenbasiertes Fundament schafft er Transparenz über Stärken und Schwächen, Entwicklungen im Zeitverlauf sowie den Umsetzungsstand der FTI-Strategie 2030. Er liefert damit eine zentrale Grundlage für strategische Entscheidungen und wirksame FTI-Politik. Aber diese – auf den ersten Blick – sehr „harten“ Evidenzen werden erst dann politisch wirksam, wenn sie interpretiert, kontextualisiert und plausibilisiert werden.

Genau hier setzt die weitere Arbeit des FORWIT an: jährliche Berichte, Analysen und Empfehlungen übersetzen Zahlen in Orientierungswissen für Entscheidungsträger:innen und machen sichtbar, welche Fragen sich aus den Daten überhaupt stellen – und welche politischen Handlungen daraus abgeleitet werden können. Es ist diese „weiche“ Arbeit, die die harte Evidenz erst relevant macht. Und dann bleibt immer noch die Frage: wird das politisch überhaupt wahrgenommen?

Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass wissenschaftliche Politikberatung nicht nur über öffentlich sichtbare Produkte wie Berichte, Dashboards oder Studien läuft, sondern – wie zuvor erwähnt – maßgeblich von Vertrauen geprägt ist. Der FORWIT arbeitet als formal eingerichtetes Gremium, das die Bundesregierung in zentralen Fragen der FTI-Politik berät und Empfehlungen erarbeitet. Vertrauliche Gespräche mit politischen Entscheidungsträger:innen sind dabei kein „informeller Hinterkanal“, sondern ein notwendiger Raum, in dem Expertise wirksam werden kann: Man spricht offen über Beobachtungen, Zweifel, blinde Flecken – und entwickelt auf dieser Basis Vertrauen in die Qualität der Beratung. Problematisch wird es erst dort, wo informelle Netzwerke, persönliche Kontakte und Ad-hoc-Kommunikation formalisierte Strukturen ersetzen.

Das Vertrauensverhältnis ist zwar ein Kernkriterium, international gibt es aber unterschiedliche Modelle dazu, wie man dies herstellen kann. Ein bereits seit den 1960er-Jahren bestehendes Modell ist etwa die Position des oder der Government Chief Scientific Adviser (GCSA) in Großbritannien. Eine solche Struktur macht die Auswahl der Personen, die beraten, transparent. Zugleich erlauben sie sehr explizit den Aufbau von Vertrauensverhältnissen.

Man muss das nicht 1:1 nachbauen, Österreich braucht sein eigenes Ökosystem. Was ich aber auch sagen will: In Österreich lamentieren wir gerne über die Informalität vulgo „Verhaberung“, wir lassen ihr jedoch insofern Spielraum, weil wir offizielle Strukturen, mit denen vertrauensvoller Austausch unter kontrollierten Bedingungen möglich wird, bisher wenig etabliert haben oder wenn, dann nur ad hoc, vereinzelt und ohne Gelegenheit zu lernen.

Quantitative Überwältigung durch KI

Ein zukunftsfähiges Ökosystem evidenzinformierter Politik müsste daher beides verbinden: die Anerkennung vielfältiger Evidenzformen und ein gemeinsames Verständnis von Qualität und Integrität in der Art und Weise, wie diese Evidenzen erhoben, verarbeitet und genutzt werden. Denn Evidenz beantwortet letztlich nicht, welche Fragen politisch gestellt werden – sie liefert aber gute, oft instruktive Antworten auf die Fragen, die man ihr stellt. Gerade in einer heterogenen Akteurslandschaft – Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – braucht es deshalb immer wieder Verständigungsprozesse darüber, welche Themen auf Basis welcher Evidenzen bearbeitet werden sollen und wie transparent diese Prozesse nach außen gemacht werden. Integrität entsteht dann nicht nur aus der „Härte“ der Daten, sondern aus nachvollziehbaren Verfahren, in denen Daten interpretiert, mit anderen Wissensformen abgeglichen und in politische Programme übersetzt werden. Der FTI-Monitor kann hier als gemeinsamer Bezugspunkt dienen: Er macht Entwicklungen sichtbar, legt Indikatoren offen und bietet damit eine geteilte Datengrundlage, auf die sehr unterschiedliche Akteur:innen zurückgreifen können.

Mit der rasanten Ausbreitung von KI wird diese Gemengelage noch komplexer. Einerseits weil eine Art Übersättigung eintreten kann: seitens der KI werden wir mehr und mehr „harte“ Evidenzen sehen, vielleicht bis zu einem Punkt, wo dieses politische Programm der evidenzbasierten Politik an Plausibilität und Überzeugungskraft verloren haben wird.1Warum? Die KI-basierte Evidenzproduktion ist ja nicht nur quantitativ überwältigend, sondern auch unglaublich schnell. Die Validierungsmechanismen für Evidenzen dieser reinen Quantität und rasenden Geschwindigkeit könnten nicht mehr hinterherkommen.

Und andererseits könnte der umgekehrte Effekt eintreten, nämlich Lähmung durch Einordnungsnotstand. Wenn harte Evidenzen immer einfacher verfügbar, per KI direkt und für jeden zugänglich werden, könnten die Kompetenzen der Einordnung wichtiger werden, die man gemeinhin unter dem Namen Expertise zusammenfasst: Also Kontextwissen, Plausibilisierung und Abwägung verschiedener Evidenzen im Lichte der politischen Vorgänge, in denen sie sich bewegen. Ich bin überzeugt, dass hier das hauptsächliche „Playing Field“ besser wohl „Battle Field“ stattfinden wird.

Abschied von in Stein gemeißelter Evidenz

Fazit: Eine Politikgestaltung, die sich zu Evidenzbasierung bekennt, sollte im Auge behalten, dass es wichtig ist, wozu Evidenz angehört wird. Evidenz per se beantwortet nicht, welche Fragen zu stellen sind und auch nicht, wie die Evidenzen dann in politische Programme umgesetzt werden.

Angesichts der zuvor angesprochenen Vielfalt der Akteure braucht es daher immer wieder Verständigung darüber, welche Themen basierend auf welchen Evidenzen behandelt werden sollen. Auf diese Weise kann man zu Integrität und Qualität gelangen. Eine Vision für ein sinnvolles Ökosystem wäre dementsprechend: eines, in dem die Involvierten bereit sind, unterschiedliche Evidenzen zu respektieren, in dem sie offen sind für unbequeme Einwände und bereit dazu, Fragen umzuformulieren oder dass andere Fragen gestellt werden. Auch muss man sich wohl von einer in Stein gemeißelten aussagekräftigen Evidenz verabschieden, ein kritisches Hinterfragen ist stets nötig, denn die Kapazitäten sind begrenzt.

 

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wider, nicht notwendigerweise die des FORWIT.

  1. Auch ohne KI gibt es hierzulande bereits jetzt eine Reihe an Einrichtungen, die jeweils im eigenen Subsytem – und oftmals Silo – agieren und Evidenz schaffen: So gibt es außer dem FORWIT beispielsweise den Fiskalrat, den Produktivitätsrat, die Bioethikkommission, die Kommission zur langfristigen Finanzierung der Alterssicherungssysteme, das ASCII, den Creative Industries-Rat, den Startup-Rat, den Beirat zur Wasserstoffstrategie, die Plattform des Aktionsplans nachhaltige öffentliche Beschaffung oder das Disaster Competence Network Austria.