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Artikel

Freiheit der Wissenschaft unter Druck

8. Januar 2026

Jörg Flecker

Ratsmitglied

Die Freiheit der Wissenschaft ist ein wichtiges Grundrecht und eine Voraussetzung für Erkenntnisgewinn und Entwicklung von Wissen an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Akademische Freiheit muss also gesichert sein, damit Wissenschaften gedeihen können. Der FORWIT hat bereits eine Stellungnahme dazu veröffentlicht. Zugleich brauchen demokratisch organisierte Gesellschaften wissenschaftliche Evidenz und gesicherte Fakten, um Themen aushandeln und Entscheidungen treffen zu können. Somit sind „Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit (…) Angriffe auf die Demokratie selbst“1. Um die Freiheit der Wissenschaft steht es international jedoch nicht zum Besten. In unserem Nachbarland Ungarn sind „systematische und strukturelle Verletzungen der akademischen Freiheit“2 seit vielen Jahren an der Tagesordnung, wodurch das Land inzwischen im Hinblick auf die Freiheit der Wissenschaft zu den untersten 20 bis 30 % der Länder weltweit zählt.3 Die Ursachen für diese Einstufung sind unter anderem, dass die Universitäten und die Akademie der Wissenschaften der Kontrolle der Fidesz-Regierung unterstellt wurden, den Gender Studies die Akkreditierungen entzogen wurden und regierungsnahe Medien häufig Wissenschafter:innen und wissenschaftliche Einrichtungen diskreditieren.

In jüngerer Zeit wurden vor allem die Angriffe auf Universitäten und die Einschränkungen für die wissenschaftliche Forschung in den USA breit diskutiert. Insbesondere in der ersten Jahreshälfte 2025 berichteten Netzwerke wie Scholars at Risk von umfangreichen Maßnahmen der US-Regierung. „These actions included extralegal executive orders targeting individual universities by revoking their funding; a series of attempts to arrest, detain, and attempt to deport without due legal process US-based, noncitizen scholars and students; and executive, legislative, and other actions aimed at eliminating research, programming, and academic supports related to diversity, equity, and inclusion; gender; environment; and many other areas.“4 Wie das Europäische Parlament feststellte, kommt jedoch auch in der Europäischen Union die akademische Freiheit zunehmend unter Druck, wenn auch in allen anderen Mitgliedsstaaten keineswegs so weitgehend wie in Ungarn.5 Was Österreich betrifft, fällt die günstige Positionierung im Academic Freedom Index 2025 unter den Top 10 % weltweit auf, zugleich aber eine signifikante Verschlechterung der Freiheit der Wissenschaft zwischen 2014 und 2024.6)

International betreffen Einschränkungen und Verletzungen der akademischen Freiheit einzelne wissenschaftliche Disziplinen besonders. Neben den genannten Gender Studies kamen seit der COVID-19-Pandemie die Impfstoffforschung und Virologie unter Druck. Die Veränderungen der politischen Landschaft brachten auch ungünstigere Bedingungen für die Klimaforschung und die Migrationsforschung mit sich. Letztlich betrifft die Tendenz der Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit aber alle Disziplinen, weil die Ursachen für die Verschlechterung der Lage vielfältig sind und sich keineswegs auf die Interventionen autokratischer Regierungen in einzelnen Ländern beschränken.

Neben direkten Eingriffen, die Studienrichtungen wie die Gender Studies betreffen, nennt der Bericht des Europäischen Parlaments indirekte Einflüsse wie das Ausmaß der öffentlichen Finanzierung, die Governance der Hochschulen und Forschungseinrichtungen oder die Arbeitsbedingungen der Wissenschafter:innen.7  Letzteres wird auch in der „Grazer Erklärung zur Akademischen Freiheit“ der österreichischen Hochschulgespräche 2025 angeführt: So „können dienstrechtliche Abhängigkeiten, prekäre Beschäftigung und die zunehmende Fokussierung auf die Drittmitteleinwerbung das Potenzial für eine Beeinträchtigung der individuellen Forschungsfreiheit haben“.8 Ein großer Anteil externer Finanzierung über sogenannte Drittmittel schränkt die Unabhängigkeit von Forschenden unter anderem durch erhöhten Konformitätsdruck ein.9

Wie breit das Ursachenbündel für die Einschränkung akademischer Freiheit ist, zeigen die Hinweise auf die Zivilgesellschaft, den Unternehmenssektor und die Sicherheitspolitik.10) Unter dem Stichwort „Zivilgesellschaft“ werden beispielsweise Anfeindungen von Wissenschafter:innen und wissenschaftlichen Einrichtungen insbesondere auf Social Media diskutiert.11 Was den Unternehmenssektor betrifft, hebt der Bericht des Europäischen Parlaments zunächst hervor, dass Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen positiv zu sehen sind, um anzufügen: „At the same time, in Germany like in other EU Member States there are worries about the relative lack of appropriate regulations for and transparency of academic-private sector collaborations. This has led to worries about the possible impact of these increasing partnerships on academic freedom, e.g. when it comes to the freedom of academics to determine their own research problems, their preferred forms of dissemination and publishing of research results, and the issue of the ownership of research results“.12 Sicherheitspolitik und Rüstung wurden in der EU in jüngster Zeit für Quellen möglicher Einschränkungen akademischer Freiheit. Dabei geht es insbesondere um Veränderungen in der Finanzierung (dual use of research), den Wissensexport und Beschränkungen der Internationalisierung.13

Ebenso unterschiedlich wie die Quellen möglicher Einschränkungen der Freiheit der Wissenschaft sind die in der Debatte genannten Ansatzpunkte, die akademischen Freiheiten sicherzustellen. Häufig erwähnt werden folgende Bedingungen14:

  • Stabile öffentliche Finanzierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen
  • Starker rechtlicher Schutz der akademischen Freiheit
  • Mitbestimmungsstrukturen und Vermeidung der Zentralisierung von Entscheidungen an Hochschulen
  • Beschäftigungssicherheit und weniger Befristungen beim wissenschaftlichen Personal
  • Stärkung des Vertrauens der Bevölkerung in wissenschaftliche Forschungsergebnisse und Institutionen
  • Sicherung der freien Wahl von Forschungsthemen durch Autonomie gegenüber ökonomischen und politischen Einflüssen
  • Schutz der Wissenschafter:innen vor Anfeindungen, Einschüchterungen und insbesondere Hassrede im Netz

Die vor kurzem gestartete Entwicklung der österreichischen Hochschulstrategie 2040 ist eine günstige Gelegenheit, die Bedingungen für die Freiheit der Wissenschaft zu überprüfen und im Bedarfsfall zu verbessern. Der FORWIT arbeitet derzeit an einer Hochschulanalyse, die eine Grundlage für diesen Prozess darstellen wird.  Zugleich gilt es, das Thema umfassender zu betrachten: Ebenso wie die demokratische Aushandlungen und damit die Demokratie selbst wissenschaftliche Evidenzen benötigen, ist die Verteidigung der Demokratie eine Grundvoraussetzung für die Freiheit der Wissenschaft. Insofern besteht in Zeiten ungewohnter Stärke anti-pluralistischer Parteien sowie der Tendenz zu autokratischen Regierungsformen wohl darin der wichtigste Hebel für die Sicherung akademischer Freiheit.

  1. https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/faecher/fachbereich-sozialwissenschaften/rechtsextremismusforschung/aktuell/nachrichtenarchiv/newsfullview/article/solidarisch-angriffen-auf-die-freiheit-von-forschung-und-lehre-entgegentreten/↩
  2. European Parliament (2025): Academic Freedom Monitor 2024 – Analysis of de facto state of academic freedom in the EU – Country overview. Brussels: EPRS | European Parliamentary Research Service: II↩
  3. Kinzelbach, K., Lindberg, S.I., and Lott, L., Panaro, A. (2025). Academic Freedom Index 2025 Update. FAU Erlangen-Nürnberg and V-Dem Institute. DOI: 10.25593/open-fau-1637.↩
  4. Scholars at Risk (2025): Free tot hink. Report of the Scholars at Risk Academic Freedom Monitoring Project.↩
  5. European Parliament (2025): Academic Freedom Monitor 2024 – Analysis of de facto state of academic↩
  6. Kinzelbach et al. (2025↩
  7. European Parliament (2025): 111↩
  8. https://www.uni-graz.at/de/neuigkeiten/hochschulgespraeche-2025-akademische-freiheit-zwischen-bedrohung-und-verantwortung/↩
  9. Iddeng, J. (2025): Nordic academic freedom under threat; Schimank, U. (2021): Universitäten und Gesellschaft im Wandel. Folgen für die Wissenschaftsfreiheit? APuz 46/2021; Kostner, S. (2021): Disziplinieren statt argumentieren. Zur Verhängung und Umsetzung intellektueller Lockdowns, APuZ 46/2021.↩
  10. European Parliament (2025↩
  11. Seeger, C., Frischlich, L., Obermaier, M., Schmid, U.K., and Schulze H. (2024). Hate Speech und Angriffe auf Wissenschaftler:innen. Ein Forschungsüberblick. Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.↩
  12. European Parliament (2025): 77↩
  13. European Parliament (2025): 60↩
  14. Unter anderem: European Parliament (2025); Iddeng 2025; Grazer Erklärung zur Akademischen Freiheit; Abschlussmemorandum der Kampagne „Freiheit ist unser System“.↩
https://forwit.at/wp-content/uploads/2025/01/univie-forwit-wf.jpg 900 1600 Martin Wagner https://forwit.at/wp-content/uploads/2025/10/FORWIT_Logo_Pfeil_kurz_weiss-1.svg Martin Wagner2026-01-08 11:09:172026-01-08 11:09:17Freiheit der Wissenschaft unter Druck

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