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Merkmale funktionaler Differenzierung der Hochschuleinrichtungen

13. Februar 2026

Thomas König

Geschäftsführer

In den bisherigen Blogbeiträgen zur Hochschulanalyse haben wir Unterschiede zwischen den österreichischen Hochschuleinrichtungen entlang der vier gesetzlich festgeschriebenen Hochschulsektoren festgehalten. Nun wollen wir – wie angekündigt – eine neue Perspektive einnehmen und das Augenmerk auf die funktionale Differenzierung der Hochschuleinrichtungen legen.

Mit funktionaler Differenzierung meinen wir die faktische Aufgabenverteilung und inhaltliche Spezialisierung der einzelnen Einrichtungen innerhalb des größeren Systems. Dabei spielen die einzelnen Sektoren natürlich insofern eine wichtige Rolle, weil in den zugrundeliegenden gesetzlichen Texten die jeweiligen Aufträge und Erwartungen festgestellt werden. Es kann nicht überraschen, dass wissenschaftliche Lehre ein Auftrag an Einrichtungen aller Hochschulsektoren ist. Forschung ist explizit genannt in den Gesetzestexten, welche die öffentlichen Universitäten und die Pädagogischen Hochschulen normieren, wobei im Fall der letzteren ein Berufsbezug herzustellen ist. Von den Fachhochschulen wird erwartet, dass sie Forschung v. a. über Methodenvielfalt und Integrität im Studien- und Lehrbetrieb adressieren. Interessanterweise ist in allen vier Normtexten der Auftrag zur Kooperation vorgesehen.

Zwischen den Einrichtungen innerhalb jedes Sektors sind jedoch noch tiefer reichende funktionale Differenzierungsmerkmale festzustellen. So ist im Bereich der Fachhochschulen festzustellen, dass manche von ihnen eine breitere Palette an Studien anbieten, während andere eher eng spezialisiert sind – was sicherlich auch ein Ergebnis ihres regionalen Kontexts ist, wo sie ja etwa gewissen Industrieschwerpunkten entgegenkommen bzw. auch anderen Ausbildungsbedürfnissen (wie etwa Pflegeberufe) korrespondieren. Die Pädagogischen Hochschulen wiederum – die ja selbst einem ganz spezifischen Ausbildungsbedürfnis entsprechen, nämlich dem Lehrpersonal an Österreichs Schulen – sind geteilt in drei Typen, nämlich die neun allgemeinen PHs (je eine pro Bundesland), weiters vier theologische PHs (je eine pro Lehrverbund) und zuletzt eine auf Agrar- und Umweltpädagogik spezialisierte Hochschule.

Im Bereich der privaten Universitäten ist eine große Heterogenität in der inhaltlichen Ausrichtung festzustellen. Grob gesagt lassen sich hier drei Spezialisierungen feststellen, und zwar erstens auf medizinische bzw. Lebenswissenschaften, zweitens auf Sozial- und Geisteswissenschaften sowie drittens auf Kunst und Musik. Diese inhaltliche Ausrichtung ist am ehesten erklärbar, wenn man Privatuniversitäten als agile Vehikel versteht, die zur Kompensation und Ergänzung von insbesondere Lehrangeboten der öffentlichen Universitäten eingerichtet werden können.

Bleiben noch die öffentlichen Universitäten, die mit 23 Einrichtungen und auch sonst, wie gezeigt, den bei weitem größten Sektor darstellen, weshalb bei ihnen die funktionale Differenzierung nicht nur am ausgeprägtesten ist, sondern auch für das gesamte System besonders relevant ist. Rasch fällt ins Auge, dass die einzelnen Universitäten nach thematischer Ausrichtung geclustert werden können. Neben sechs Universitäten, die beanspruchen, die ganze Breite wissenschaftlicher Disziplinen und Studien abzudecken, finden sich mit den vier technischen und drei Medizinuniversitäten auch noch zwei Typen, die eine Spezialisierung auf gesellschaftlich besonders relevante Wissenschaftsbereiche darstellen. Zudem sind sechs Kunstuniversitäten eingerichtet, Ausdruck der gesellschaftspolitisch hohen Bedeutung, die der „Entwicklung und Erschließung der Künste“ (wie es im Gesetz heißt) gerade in Österreich eingeräumt wird. Und dann sind da noch vier weitere Universitäten, die je eine andere Spezialisierung haben.

Fasst man die öffentlichen Universitäten nach diesen Kategorien zusammen und vergleicht sie entlang zweier Größenmerkmale (Anzahl der Studierenden und Zahl der wissenschaftlichen Angestellten), so wird deutlich, dass die funktionale Differenzierung sich auch in der organisationalen Charakteristik niederschlägt. Die allgemeinen Universitäten sind in beiden Merkmalen im Durschnitt deutlich größer als die anderen Typen (1 813,5 wissenschaftliche Angestellte VZÄ sowie 32 972 Studierende); die technischen und die Medizinuniversitäten sind vergleichbar hinsichtlich der Zahl der wissenschaftlichen Angestellten (TUs: 1 722,5 VZÄ; MUs: 1 778,1 VZÄ), jedoch haben letztere deutlich weniger Studierende (TUs: 15 523; MUs: 6 131). Die anderen, hier in einen Typus zusammengefassten spezialisierten Universitäten (im Durchschnitt: 758,3 wissenschaftliche Angestellte VZÄ und 10 683 Studierende) und die Kunstuniversitäten (im Durchschnitt: 328,1 wissenschaftliche Angestellte VZÄ sowie 2 189 Studierende) sind nochmals deutlich kleiner.

Aus diesem zugegeben noch sehr oberflächlichen Blick wird deutlich, dass Spezialisierung und Aufgabenverteilung bereits tief innerhalb der einzelnen Sektoren stattfindet. Das kann nicht überraschen, ist funktionale Differenzierung eines Systems wie dem der österreichischen Hochschulen doch Ausdruck der sich weiterentwickelnden Bedürfnisse an wissenschaftliche Lehre und Forschung. Eine solche Entwicklung geht in Zeiten des technologischen Wandels und tiefgreifender gesellschaftlichen Veränderungen besonders rasch von statten. Staatlicherseits sollte der Anspruch darin bestehen, möglichst agil und proaktiv mit diesen Bedürfnissen umgehen zu können.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die stark versäulend wirkende Sektorenaufteilung, die ja Resultat mehrerer Hochschulreformen vor rund 20 Jahren war, heute noch adäquat ist. Antwort kann wohl nur eine eingehendere empirische Analyse geben, die freilich die Aufgabe des FORWIT sprengen würde. Eine These könnte jedenfalls lauten, dass neue Bedürfnisse gern durch Gründung neuer Einrichtungen gedeckt werden. Nimmt man allerdings die öffentliche Diskussion als Maßstab, die heute gern die hohe Zahl an Hochschuleinrichtungen in Österreich thematisiert, so scheint dies ein Effekt zu sein, der nicht als ideal angesehen wird.