Blog
Verspielt Österreich seinen Nimbus als Umweltmusterland?
19. August 2026
Im Sommer 2026 fallen europaweit Rekorde: wochenlange Hitzeperioden, anhaltende Trockenheit, großflächige Waldbrände in bisher nicht gekanntem Ausmaß prägen die Berichterstattung. In anderen Regionen der Erde sieht es nicht besser aus. Der Klimawandel und seine wirtschaftlichen wie sozialen Auswirkungen sind längst keine ferne Prognose mehr, sondern eine neue, wenngleich erwartete Realität, die konkrete Lösungen erfordert – und Chancen öffnet.
Chancen, die Österreich nicht ungenutzt lassen sollte und für die es – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – eigentlich gut gerüstet ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Land, das sich traditionell als Vorreiter in Umweltfragen versteht, global einen Namen als „Umweltmusterland“ gemacht, seine innovativen Energie- und Umwelttechnologien erfolgreich in alle Welt exportiert und damit einen wichtigen Beitrag für Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand geliefert.
Bewährte Stärkefelder werden vernachlässigt
Eigentlich eine ausgezeichnete Position in einem Markt, der – den Ansagen der USA und anderer zum Trotz – global stark wächst. Ökonomische Projektionen sehen den Markt für grüne Technologien – je nach Definition – bis 2034 von derzeit rund USD 33 Mrd. auf USD 211 Mrd. im Jahr 2034 anwachsen, für saubere Energie erwarten Analysten in demselben Zeitraum ein Wachstum von derzeit USD 1,3 Bio. auf USD 3,3 Bio.. Nicht ohne Grund: Von den Auswirkungen des Klimawandels sind alle Länder betroffen, und jedes Land versucht, mit den raschen Veränderungen umzugehen und klimaresistente Infrastrukturen und Technologien für die Anpassung zu entwickeln oder anzuschaffen.
Aber ausgerechnet in diesem Bereich leistet es sich Österreich, auf bewährte Stärkefelder zu verzichten: Zuletzt sind die F&E-Ausgaben in Umwelt und Klima relativ und absolut deutlich zurückgegangen, wie der FTI-Monitor 2026 eindrücklich zeigt – von durchschnittlich 75,6 % der Ausgaben der Innovation Leaders im Zeitraum 2015-2024 auf nun 50 %. Zum Vergleich: Die Spitzenreiter Japan, Finnland und Korea geben mehr als doppelt so viel für F&E in Umwelt und Klima aus wie die Innovation Leaders. Für Österreich ergeben sich daraus mehrere ungünstige Wirkungen.
1. Wir verspielen unsere Stärken.
Die Ausgangsbasis ist gut, Österreich ist weltweit als „Umweltmusterland“ bekannt – heimische Technologien im Bereich Umwelt und Energietechnologien gehören seit Jahrzehnten zu Exportschlagern. Österreich hat einen guten Ruf als Partner, auch was die Fertigung derartiger Anlagen betrifft. Diesen Status zu halten, ist kein Selbstläufer, sondern baut darauf, dass laufend neue Lösungen und innovative Technologien angeboten werden. Eine notwendige Transformation bestehender Geschäftsmodelle ist ebenfalls absehbar – Stichworte Digitalisierung, Automatisierung und KI. Inkrementelle Verbesserung reicht also nicht mehr.
2. Wir vernachlässigen den Blick auf globale Entwicklungen.
Klimawandel und Geopolitik lassen weltweit die Nachfrage nach smarten, sauberen und klimaverträglichen Technologien steigen – ganz voran Energietechnologien, aber auch solche für die Abwasser- oder Abgasreinigung wie der Bereich urbaner Technologien und Systeme, Automotive usw. Diesen rasch wachsenden Markt sollte man nicht den anderen überlassen. Es geht dabei um Klimaschutz, aber vor allem um Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Modernisierung. Das hilft auch der Industrie hierzulande.
3. Wir vernachlässigen unsere eigene Versorgungssicherheit.
Im Bereich der Energieversorgung taumeln wir von einer kostspieligen Krise in die nächste. Wir müssen unabhängiger von Energieimporten werden – nicht aus moralischen, sondern aus rein egoistischen Gründen. Die wissenschaftliche Kompetenz ist da, die Unternehmen auch – noch zumindest. Es gibt stetig neue Herausforderungen. Aber gerade im Bereich systemischer Lösungen ist Österreich Vorreiter, und das gilt es zu nutzen, um souveräner zu werden.
4. Wir ignorieren bestehendes Wissen.
Trotz Höllenhitze in stetig länger werdenden Sommerperioden vernachlässigen oder negieren wir die Notwendigkeit der zügigen Klimawandelanpassung: hier heißt es, Lösungen gemeinsam mit anderen zu entwickeln und Kooperationen mit jenen Ländern aufzubauen, von denen wir lernen können. Aber auch unsere eigene Infrastruktur, unsere Siedlungen auf neue Temperaturregimes auszurichten oder unseren Wasserhaushalt in den Fokus zu rücken und klimawandelresistente Technologien zu entwickeln. Das wirklich Unangenehme an diesem Thema ist, dass wir sehr lange Vorlaufzeiten für die konkrete und breite Umsetzung brauchen, denn hier geht es um tiefgreifende Transformationen in vielen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Umso wichtiger ist es, rasch zu handeln.
5. Wir beschaffen zu wenig innovationsorientiert.
Die öffentliche Hand ist mit einem Beschaffungsvolumen von rund € 70 Mrd. pro Jahr der größte Beschaffer in Österreich. Diese Marktmacht bietet das Potenzial, als Innovationstreiber zu wirken, Forschungsergebnisse in marktfähige Lösungen zu überführen und als Ankerkunde Skalierung am Standort zu ermöglichen – ein zentraler Hebel, um das österreichische Innovationsparadoxon zu überwinden. Nicht zuletzt der Report der Europäischen Kommission zur öffentlichen Beschaffung in Österreich attestiert jedoch, dass hierzulande zu wenig Augenmerk auf die Innovationsbeschaffung gelegt wird. Optimistisch stimmt, dass die Bundesregierung Umwelt- und Energietechnologien als eines der neun Schlüsseltechnologiefelder in ihrer Industriestrategie Österreich 2035 definiert hat und diese Felder im angekündigten Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung gezielt adressieren will. Das lässt vermuten, dass Forschung an und Entwicklung von Umwelt- und Energietechnologien künftig wieder intensiviert werden und Österreich seine Stärken stärkt. Wie schon erwähnt: je früher wir mit der innovationsgetriebenen Transformation beginnen, desto geringer sind zu erwartende Schäden.
Nutzen wir den Nimbus des „Umweltmusterlandes“
Die aufgezeigten ungünstigen Wirkungen sind nicht unvermeidbar und vor allem liegt es allein in der Hand Österreichs, hier aktiv zu werden und zielgerichtet zu investieren. Wir verfügen über das Wissen, die Unternehmen und die Infrastruktur, um in Energie- und Umwelttechnologien eine führende Rolle einzunehmen. Was dabei keinesfalls zu vernachlässigen ist: Innovative Pilotprojekte und innovative Beschaffung liefern eine vielfache Dividende – die heimische Innovationskraft wird gestärkt und sichtbar gemacht, neue und bestehende Unternehmen profitieren und letztlich können die Wirkungen des Klimawandels gemindert werden.
Österreich alleine wird den weiteren Klimawandel nicht aufhalten können. Indem wir unser technologisches Know-how verstärkt dazu nutzen, Österreich bestmöglich auf die Auswirkungen der neuen Realität vorzubereiten, gehen wir aber nicht nur als Beispiel voran, sondern nutzen den Nimbus als „Umweltmusterland“, um unsere Umwelt- und Energieinnovationen auf dem globalen Markt zu verkaufen. Und so tragen wir auch jenseits unserer Landesgrenzen zur weltweiten Klimatransformation bei.

voest/Primetals