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Wissenschafts- und Forschungsstiftungen in Österreich

8 Oktober 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Am diesjährigen Stiftungstag stand das Thema Wissenschaft und Forschung im Zentrum der Diskussion. Neben vielen beeindruckenden Beispielen, wie – und aus welchen Gründen – gemeinnützige Stiftungen wissenschaftliche Forschung finanzieren, wurde auch eine Studie präsentiert, die erstmals die österreichische Stiftungslandschaft im Bereich Wissenschafts- und Forschungsförderung vermisst. Der FORWIT hat sich an dieser Studie beteiligt, weil gemeinnützige Stiftungen in einem nationalen Innovationssystem eine wichtige Rolle spielen können.

Als Beratungsgremium der Bundesregierung hat der FORWIT eine systemische Perspektive auf die Forschungsfinanzierung durch private, gemeinnützige Stiftungen, die in der Forschungsförderung tätig sind. Sie zeichnen sich zunächst einmal dadurch aus, dass sie einer anderen Rechtfertigungslogik unterliegen als staatliche Forschungsförderung. Letztere ist dem Steuerzahler und der Steuerzahlerin verpflichtet. Eine Stiftung hingegen kann in zweierlei Hinsicht Akzente setzen.

Potente Stiftungen: Österreich international eine Ausnahme

Zum einen bringen Stiftungsgelder nicht nur zusätzliches Geld, sondern auch thematische Schwerpunkte in die Forschung. Das ist eine Bereicherung, weil dadurch Themen beforscht werden können, die staatlich oft unterfinanziert sind (z.B. seltene Krankheiten) und durch private, gemeinnützige Stiftungen erst eine entsprechende Sichtbarkeit erlangen. Für die Forschenden selbst bieten sich dadurch mehr Anlaufstellen, wo sie ihre Forschungsprojekte zur Finanzierung einreichen können.

Zum Zweiten können gemeinnützige Stiftungen bei Entscheidungsverfahren innovativ sein, das heißt, neue Methoden ausprobieren und Auswahlverfahren ändern. Am bekanntesten ist vielleicht das „Experiment“ der deutschen Volkswagenstiftung, die teilrandomisierte Verfahren (eine Mischung aus Expert:innen-Jury und Losverfahren) eingeführt und auch wissenschaftlich begleiten ließ. Die Ziele solcher Experimente können unterschiedlich sein: agiler, mehr riskante Forschung identifizieren, den Begutachtungsprozess beschleunigen oder aber die Community der Begutachtenden zu entlasten. In der Regel sind die Erfahrungen, die hier gemacht werden, für das ganze System wertvoll und werden, wenn sie sich bewähren, auch von staatlichen Förderern aufgegriffen.

Wir wissen aus vielen Beobachtungen, dass eine Stiftung eine gewisse Größe, ein ausreichend professionelles Management und auch einen gewissen Erfahrungsschatz entwickelt haben muss, um diese Akzente in einem Forschungssystem zu setzen. Wir sehen diese Stiftungen hierzulande bisher noch nicht in ausreichendem Ausmaß. Damit ist Österreich eine Ausnahme, denn in fast allen anderen Ländern, die hinsichtlich ihrer F&E-Ausgaben auf einem ähnlichen Niveau sind, gibt es zahlreiche solche potenten Stiftungen.

Ein Blick nach Schweden

In dem Zusammenhang sei auf einen Policy Brief verwiesen, in dem sich Mikolaj Norek und Thomas König die Rolle der gemeinnützigen Stiftungen in Schweden etwas genauer angesehen haben, und zwar sowohl private gemeinnützige Stiftungen als auch öffentliche Stiftungen. Folgende Beobachtungen werden dabei geteilt.

Bei den privaten gemeinnützigen Stiftungen gibt es einige, die im Umfeld von Industriekonglomeraten stehen und die ganz gezielt und strategisch verwendet werden, um langfristig sicherzustellen, dass technologisches Knowhow auf Weltniveau weiterentwickelt wird, und auch, um Talente zu identifizieren und in gewissem Sinne auch über diese Stiftungen an die Konzerne zu binden. Das vom Konzern ins Stiftungsvermögen übertragene Kapital wird also sehr vorausschauend verwendet. Es ist nicht nur Philanthropie, die hier ausschlaggebend ist, vielmehr sollen auch Benefits für die Stiftung bzw.den dahinterstehenden Konzern generiert werden. Zugleich sind das auch Benefits für den Standort Schweden. In Österreich wurde die Bedeutung solcher Stiftungen für Forschungs- und Wissenschaftsförderung leider lange unterschätzt. Stattdessen bevorzugt das Rechtssystem eigennützige Privatstiftungen, die dazu dienen, Kapital im Land zu halten, ohne Anreize zu schaffen, Kapitalerträge für gemeinnützige Zwecken einzusetzen.

Dagegen wurden in Österreich seitens der Politik sehr wohl öffentliche Stiftungen und Fonds im Bereich der Forschungs- und Wissenschaftsförderung eingerichtet – dies ist durchaus im internationalen Trend erfolgt. Doch auch hier ist Schweden lehrreich, denn die dortigen öffentlichen Stiftungen und Fonds zeichnen sich durch drei bemerkenswerte Kriterien aus, die es ihnen ermöglichen, hohen Impact zu erzielen: Erstens eine hohe Autonomie dank eines eigenen Stiftungsvermögens, das jährliche Zinserträge abwirft. Zweitens ein professionelles Management, das die Anbahnung, Ausschreibung, Abwicklung von Forschungsförderung auf hohem Niveau sicherstellt. Und drittens eine eigene, gesetzlich verankerte Rechtsform, die mit einem klaren, öffentlichen Auftrag einhergeht.

Schlussfolgerungen für Österreich

Auch in Österreich hat die Politik nun erkannt, wie wichtig der Stiftungssektor für ein vielfältiges Forschungsfinanzierungssystem ist. Vor diesem Hintergrund lassen sich für den weiteren Ausbau dieses Sektors einige Schlüsse ziehen:

  • Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass Mittel aus privaten, gemeinnützigen Stiftungen jetzt rasch Abhilfe für die aufgrund der fiskalischen Probleme entstandenen Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Forschung in Österreich liefern können.
  • Es ist aber dennoch zweckmäßig, langfristig darauf hinzuarbeiten, dass private gemeinnützige Stiftungen eine Rolle einnehmen, wie wir sie in anderen Systemen kennen. Die Funktion ist nicht nur die einer komplementären Finanzierung, sondern auch die einer strategischen Innovation. Das würde dem FTI-System in Österreich, das bislang stark auf eine aus dem Bundesbudget zur Verfügung gestellte und an die Logik der öffentlichen Verwaltung gebundene Finanzierung abgestellt ist, zweifellos gut tun.
  • Die empirischen Ergebnisse der neuen Studie sollten vor allem auch dazu genutzt werden, einen informierten Dialog mit jenen zu führen, die bereits in der Forschungsförderung tätig sind – und jenen, die Interesse daran zeigen.
  • Darüber hinaus sollte das Momentum genutzt werden, die bestehenden öffentlichen Stiftungen und Fonds weiterzuentwickeln, indem internationale best practice-Beispiele herangezogen werden.

Der FORWIT, als unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, erachtet es jedenfalls als zielführend, weiterhin an diesem Thema dranzubleiben.

Hinweis: Dieser Text fasst den Diskussionsbeitrag von Sonja Sheikh am Abschlusspanel des Stiftungstags 2026 zusammen.

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In Brüssel nichts Neues?

2 Oktober 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Die Europäische Union wartet. Nach wie vor ist unklar, wie sich die Frage ums nächste EU-Budget entscheiden wird. Ebenso unklar ist, welchen Anteil das Forschungsrahmenprogramm (FP10) davon erhalten soll und wie eigenständig es neben dem European Competitiveness Fund (ECF) bleiben wird. Welche Optionen dabei auf dem Tisch liegen, haben wir bereits in einem früheren Blogbeitrag ausführlicher dargestellt. Klarer ist die Lage seither nicht geworden, weder bei der Verzahnung mit dem ECF noch bei der endgültigen Aufteilung des Budgets.

Hochrangige Politiker:innen tingeln durch die Hauptstädte, um nationale Stimmungen abzuholen und wohl auch ein klein wenig zu beeinflussen, so etwa Ratspräsident António Costa, der im Rahmen seiner „Tour des capitales“ Mitte September auch in Wien Station machte. Wenige Tage zuvor war bereits Christian Ehler, Hauptberichterstatter für FP10 im Industrie- und Forschungsausschuss (ITRE) des Europäischen Parlaments, bei den Technology Talks Austria zu Gast. An den Positionen hat sich dabei wenig geändert: Während eine Gruppe von sechs Ländern um Deutschland, darunter auch Österreich, auf einen kleineren EU-Haushalt drängt, wehren sich 16 Länder aus dem Süden und Osten gegen Kürzungen, besonders bei der Kohäsionspolitik.

Gleichzeitig ist manchen aufgefallen, dass von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union das Thema mit keinem Wort erwähnt hat. Aber das ist wohl kein Zufall: Es ist nicht Usus in Brüssel, über Themen zu sprechen, die gerade Verhandlungsmaterie sind. Insofern kann man zumindest beruhigt sein: Es wird offenbar über Finanzen und über Forschung gesprochen, nur eben hinter verschlossenen Türen.

EIT und Joint Undertakings auf dem Prüfstand

Unterhalb dieser großen Themen läuft die Forschungspolitik in einigermaßen gewohnten Bahnen. Dazu gehört, dass sich die Stakeholder des nächsten Rahmenprogramms in Stellung bringen. Wie üblich führt die Europäische Kommission Konsultationen durch, die zum Teil auch offensichtlich den Zweck haben, durch eine scheinbar objektiv-neutrale Befragung bereits den weiteren Erhalt sicherzustellen – wie zum Beispiel beim European Institute of Innovation and Technology (EIT). Es täte Brüssel gut, mehr Bereitschaft zu zeigen, so ein Programm auch einmal einzustellen, wie das etwa der Heitor-Report empfohlen hat, woran wir in unserer Stellungnahme auch nochmals erinnert haben.

Andere Konsultationen haben mehr Substanz, so etwa jene zu einem Single Basic Act für die Joint Undertakings, einer gemeinsamen Rechtsgrundlage für alle diese Partnerschaften. Sie bringen öffentliche und private Partner langfristig zusammen und ermöglichen Vorhaben, die für ein Land oder ein Unternehmen allein zu groß wären, etwa bei Chips, im Supercomputing oder in der Luftfahrt. Das sind wertvolle und substanzielle Programme, die aus unserer Sicht freilich von einer stärkeren Harmonisierung profitieren würden, etwa durch ein besser strukturiertes Portfolio und weniger Verwaltungsaufwand.

Innovation Act und EU Inc.: Schub für die Wettbewerbsfähigkeit?

Jenseits des Rahmenprogramms geht es zudem um die stärkere Verklammerung der Forschungspolitik mit dem innovations- und wettbewerbspolitischen Kontext. Seit jeher wird die Forschungsförderung im EU-Haushalt unter der Rubrik „Competitiveness“ geführt. Seit letztem Jahr aber hat sich die Kommission eine ambitionierte Reihe an Gesetzesinitiativen vorgenommen, über die wir schon im Sommer 2025 berichtet haben . Einige liegen nun als Vorschläge zur Diskussion vor: Der European Innovation Act, komplementär zum European Public Procurement Act, wird noch von Parlament und Mitgliedstaaten verhandelt. Bereits näher an der Umsetzung ist die Initiative unter dem Titel „28th Regime“: Mit der EU Inc. ist die Einführung einer EU-weit gültigen Rechtsform vorgesehen, die nun allerdings von den Mitgliedsländern auch mitgetragen werden muss. Dazu hat sich jüngst die FORWIT Arbeitsgruppe Science to Business in einem offenen Brief Empfehlungen an die österreichische Bundesregierung gewendet.

Auch der ERA Act lässt auf sich warten

Hinzu kommt die Ausgestaltung des Europäischen Forschungsraums. Mit der ERA Policy Agenda wurden Themenfelder identifiziert, die freiwillig und gemeinsam von den Mitgliedsstaaten harmonisiert werden sollen. Österreich hat sich dazu selbst einen eigenen ERA Nationalen Aktionsplan (ERA NAP) entwickelt, der den Zeitraum 2026-28 umfasst. Doch auch hier hat sich die Kommission die Latte höher gelegt: Nun warten wir alle auf den ERA Act. Der war – noch im Annex zum Work Programme der Europäischen Kommission für 2026 – für das dritte Quartal 2026 angekündigt worden. Die Verzögerung liegt vielleicht aber einfach darin, dass die Kommission sich mit der Flut an Gesetzesvorhaben, die zu Beginn der zweiten Amtszeit von Ursula von der Leyen angekündigt wurde, selbst schwer zu tun scheint. Die Zeitleiste der Maßnahmen des Competitiveness Compass wurde zwar erst vor wenigen Tagen aktualisiert, viel geändert hat sich dabei aber nicht.

Mitte November wird es wieder die alljährlichen R&I Days in Brüssel geben. Vielleicht erfahren wir dann mehr. Man darf gespannt sein.

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Kommentar

Schweden, Schweiz, Niederlande – und Österreich: Lernen von den besten Innovationssystemen Europas

16 September 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Bei den diesjährigen Technology Talks Austria hatte ich die besondere Gelegenheit, im Schlusspanel mit vier herausragenden Persönlichkeiten über nationale Innovationssysteme und ihren Beitrag zur europäischen Leistungsfähigkeit zu sprechen: mit Malin Frenning, CEO der Research Institutes of Sweden (RISE), mit Annelieke van der Giessen vom niederländischen Rat für Wissenschaft, Technologie und Innovation (AWTI), mit Dominique Foray, Professor Emeritus an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) und Mitglied des Schweizerischen Wissenschaftsrates, und mit Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung. Die Fragen, die uns verbanden, beschäftigt mich und meine Ratskolleg:innen auch im FORWIT täglich: Wie können wir Österreichs und Europas Innovationssystem wirksam stärken? Welche gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Beschaffenheiten helfen, welche hemmen?

Die Antworten waren ebenso gehaltvoll wie zahlreich. Deshalb möchte ich den erkenntnisreichen Austausch auf dem Panel reflektieren und jene vorgestellten Aspekte zusammenfassen, die aus meiner Sicht ganz wesentlich für die Leistungsfähigkeit Europas sind und aus der Perspektive kleiner Länder bzw. Volkswirtschaften kommend, für Österreich besonders interessant sind.

Schweden: Vertrauen, Kooperation, Internationalität – und Early Adopters

Malin Frenning (RISE)
© Katharina Schiffl

Malin Frenning hat uns erinnert, dass Schwedens Erfolg keine Selbstverständlichkeit ist. Um 1900 war das Land klein, ländlich und arm; 1,5 Millionen Schweden wanderten aus. Über Generationen entstand durch Investitionen in Bildung, starke öffentliche Institutionen und auf einer fortschrittlichen Industriebasis jenes Innovationssystem, das heute als führend in der EU gilt – mit Stockholm als innovativster Region Europas.
Vier kritische Faktoren hat sie hervorgehoben: (i) anhaltend hohes Vertrauen zwischen Bevölkerung, Institutionen und Technologie, (ii) enge Kooperation zwischen Wissenschaft, Industrie, Forschungsinstitutionen und öffentlichem Sektor, (iii) Internationalisierung, weil der Binnenmarkt schlicht zu klein war und (iv) Early Adopters.

Für mich war der letzte Faktor ein ganz wesentlicher: Schweden war bei Mobiltelefonen, Computern und Internet Vorreiter, die Bevölkerung wurde aktiviert und zum Testmarkt, der Nachfrage erzeugte und Unternehmen Raum zum Ausprobieren und Verbessern gab. Das entspricht genau der Idee, den Binnenmarkt als testbed zu nutzen, etwa über den vorkommerziellen Einkauf (Pre-Commercial Procurement). Wir haben diesen Ansatz in Österreich in Teilbereichen der Energietechnologien angewandt – ich bin überzeugt, dass dieses Instrument bei uns viel breiter entfaltet werden kann und soll. Ein wichtiger Pluspunkt dabei ist der wesentlich raschere Markteintritt dank einer Entwicklungsumgebung im Realmaßstab.

 

Niederlande: Nicht die Höhe der Mittel, sondern ihre Verwendung ist entscheidend

Annelieke van der Giessenl (AWTI)
© Valerie Maltseva

Annelieke van der Giessen forderte uns mit einer Beobachtung zum Nachdenken auf: Die Niederlande haben das europäische Ziel einer F&E-Quote von 3 % nie erreicht und belegen trotzdem Rang drei im European Innovation Scoreboard. Es kommt also offenbar weniger auf die Höhe der Mittel an als darauf, wie man sie einsetzt: stabile Grundfinanzierung für die Wissenschaft, generische Förderung für die Industrie, verbunden mit äußerst wettbewerbsorientierter Finanzierung für Missionen und Schlüsseltechnologien – definiert nicht von der Regierung, sondern in der Triple- und Quadruple-Helix, also gemeinschaftlich von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Zugleich war sie ungeschönt kritisch: Zu viel Innovationsaktivität konzentriert sich auf wenige Großunternehmen, alleine ASML investiert so viel in F&E wie die nächsten acht Unternehmen zusammen. Außerdem fehlt es an technischem Talent und auch die Niederlande sind vom Innovationsparadoxon betroffen: exzellente Wissenschaft und Forschung trifft auf Schwierigkeiten beim Transfer in Vermarktung und Skalierung. Die Antworten – eine Agentur für disruptive Innovation, eine nationale Investitionsbank, eine Talentstrategie, stärkerer Fokus auf öffentliche Beschaffung – sind nicht nur bei mir auf offene Ohren gestoßen.

Was ich an den Niederlanden bewundere, ist die kompromisslose Wettbewerbsmentalität: stolz sein auf das Erreichte, aber den Wettbewerb nicht scheuen. Dieser könnte auch in Österreich forciert werden. Umgekehrt, wie van der Giessen betonte, lernen die Niederlande derzeit von Österreich, die eigenen Ambitionen mit den europäischen besser zu verzahnen – ein schönes Beispiel dafür, dass hierzulande manches besser funktioniert als bei europäischen Innovationsführern. Dazu würde ich auch unsere Kultur der kooperativen Forschung zählen, also die Einbindung von Industrie, Forschungseinrichtungen und gerade auch von KMU in Forschungsprogramme. In einem Land, das zu über 99 Prozent aus KMU besteht, ist das ein signifikanter Erfolgsfaktor.

Schweiz: Zwei Säulen und die Kosten der kreativen Zerstörung

Dominique Foray (EPFL/SWR)
© Valerie Maltseva

In seinem ersten Argument beschrieb Dominique Foray die Schweiz als ein auf zwei Säulen aufbauendes System. Die erste Säule ist die Aufnahme neuer Technologien im ganzen Land, getragen von der dualen Berufsbildung, den Fachhochschulen – keine zweitklassigen Universitäten, sondern eigene Profile mit Professor:innen aus der Industrie – und Innovationsintermediären, die dieselbe Sprache sprechen wie KMU. Die KMU sind also nicht, wie Foray es formulierte, „home alone“, sondern tief integriert in ein reichhaltiges Ökosystem.

Die zweite Säule bilden exzellente forschungsstarke Universitäten, die Wissen und Talente hervorbringen. Europa hat nur vier Universitäten unter den Top 35 der Welt – ETH Zürich, TUM, LMU München, EPFL. In der Schweiz fließen fast 90 Prozent der öffentlichen Forschungsmittel an die Universitäten (in Österreich 60, in Deutschland und Frankreich rund 50 Prozent). Öffentliche Forschungsorganisationen sind für exzellente Forschungsuniversitäten aber kein Ersatz, nicht zuletzt, weil, wie er meinte, RTO keine globalen Talentemagnete sind, exzellente Universitäten aber sehr wohl. Diese Balance müssen wir auch bei uns offen diskutieren, denn im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe heißt die Währung „Exzellenz“.

Forays zweites Argument widmete sich dem Strukturwandel, der mich persönlich besonders beschäftigt: Transformation und radikale Innovation bedeuten kreative Zerstörung, und deren Kosten, gemessen in Monatsgehältern, hängen von der Arbeitsmarktregulierung ab – 2,5 Monate in der Schweiz und Dänemark, aber 31 in Deutschland und den Niederlanden, 38 in Frankreich, 52 in Italien, 62 in Spanien. Länder wie die Schweiz und Dänemark verfolgen die Strategie der Flexicurity, also Flexibilität plus ernsthaftem Wiederaufbau von Humankapital: Umschulung, Coaching, Netzwerke. Wo diese Kosten niedrig sind, steigen die Anreize, in disruptive Sektoren zu investieren. Transformation in neue Technologiefelder gelingt nur mit sozialer Begleitung – genau das fordern wir auch im FORWIT immer wieder ein. Hierzulande sprechen wir von fair transition, einem ebenfalls umfassenden Konzept.

Nicht zufällig übrigens war Flexicurity auch das am häufigsten genannte Wort in der Liveumfrage, welchem der am Panel diskutierten Themen das Publikum die größte Bedeutung beimisst.

Österreich: Innovationsparadoxon und eine Wirtschaftsstruktur mit Nachteil

Theresia Vogel (FORWIT)
© Valerie Maltseva

Österreich kann stolz sein auf seine F&E-Quote, der Input stimmt, die Wissensproduktion ist hervorragend. Unser Problem liegt auf dem Weg von der Forschung in den Markt, in Output. Dieses Innovationsparadoxon gründet in einer Reihe systemischer Defizite, wie insbesondere fehlender product-market fit, geringe speed to product und fehlende Nachhaltigkeit in der Finanzierung. Eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Gemengelage spielt unsere wirtschaftliche Struktur. Zwar haben alle auf diesem Panel vertretenen Länder einen KMU-Anteil von weit über 99 %, im Gegensatz zu Österreich gibt es dort aber auch sehr große, global agierende Unternehmen. Das lässt sich klar in Zahlen fassen: Die Marktkapitalisierung beträgt in der Schweiz rund $2,4 Billionen, in den Niederlanden $ 2,2 Billionen und in Schweden $ 1,4 Billionen. Österreich liegt mit rund $ 226 Milliarden weit abgeschlagen. Was uns fehlt, sind die großen, global agierenden Unternehmen, die KMU in F&E mitziehen.

Warum das relevant ist, hat Dominique Foray an anderer Stelle veranschaulicht: Entscheidend ist ihm zufolge nicht die relative Forschungsquote – denn wenn das BIP klein ist, reichen auch 4 % nicht aus, die für exzellente Forschung notwendige infrastrukturelle Größenordnung zur Verfügung zu stellen. Es kommt vielmehr auf die Größe der Sektoren an, die Spillover aufnehmen können. Beispielweise machen, wie Foray meinte, Novartis und Roche aus dem kleinen Basel einen Ort mit enormer internationaler Anziehungskraft. Und ich möchte ergänzen: Große Unternehmen sind auch Türöffner in die europäischen Forschungsprogramme, denn ohne sie ist es für KMU fast unmöglich, daran zu partizipieren. Mit ihnen aber kommen die KMU mit.

Europa: „Airbus der F&E“ statt 27 Parallelen

Georg Knill (Industriellenvereinigung)
© Valerie Maltseva

Georg Knill hat die europäische Dimension realistisch skizziert: Wir betreiben zu vieles 27-fach parallel – Regulierung, Finanzierung, Strategien. Die Vollendung des Binnenmarktes (inklusive Kapitalmarktunion) erachtete er als Voraussetzung für die EU27, um wirksam und enger zusammenzuarbeiten. Sein Bild eines Kräfte bündelnden „Airbus der F&E“, gezeichnet am Beispiel eines potenziellen europäischen Ziels, bis 2030 den ersten kommerziell verfügbaren Quantencomputer auf den Markt zu bringen, halte ich für sehr motivierend.

Gleichzeitig rief er ins Bewusstsein, woran solche Vorhaben oftmals scheitern: an nationalen Standortinteressen. Das gelte es zu überwinden, meinte Knill und rief dazu auf, outside the box zu denken und schneller zu handeln, inbesondere in der F&E-Politik. Malin Frenning ergänzte, dass jedes Land sich fragen muss, welche Stärken es in Europa einbringt – und dass europäische Förderung grenzüberschreitende Zusammenarbeit und geteilte Infrastrukturen deutlicher belohnen muss, um europäische Wertschöpfungsketten zu bauen.

Abschlussbotschaft: Exzellenz und Tempo

Zum Abschluss haben wir alle unseren wichtigsten Schritt für das kommende Jahr genannt. Für mich läuft alles auf ein Wort hinaus: Exzellenz. Europa muss die besten Köpfe weltweit anziehen – mit exzellenten Jobs, mit Freiheit der Wissenschaft und mit Stolz auf das, was wir hier bieten. Denn ohne exzellente Menschen kommen wir nicht mit neuen Produkten in den Markt. Ich habe mich über die Antworten der anderen gefreut: Annelieke van der Giessen mahnte, die Menschen mitzunehmen, die den Wandel tragen; Dominique Foray erinnerte daran, dass das BIP pro Kopf unser europäisches Wohlstandsniveau nicht abbildet und Produktivität der bessere Maßstab ist; Malin Frenning forderte, Daten, Technologie und Menschen als ein Gesamtsystem zu denken; und Georg Knill brachte es auf die Formel, die beide Tage der Technology Talks prägte: Tempo. Wir wissen längst, was zu tun ist. Jetzt müssen wir es mit der erforderlichen Geschwindigkeit und angezeigten Entschlossenheit umsetzen.

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Wie strategische öffentliche Beschaffung helfen kann, das Innovationsparadoxon zu lösen

24 August 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Die öffentliche Beschaffung Österreichs ist mit jährlichen Ausgaben von rund € 70 Milliarden – EU-weit sind es € 2 Billionen – nicht nur ein wirtschaftlich bedeutender Faktor, sondern auch ein potenter Innovationstreiber: Effektiv eingesetzt kann sie jene Nachfrage ausreichend schaffen, durch die Unternehmen Innovationen in den Markt bringen können. Damit kommt ihr auch im Zusammenhang mit dem österreichischen Innovationsparadoxon, dem sich der FORWIT in seinem Schwerpunkt Science to Business widmet, eine kritische Rolle zu.

Nicht zuletzt aus diesem Grund kündigte die Bundesregierung im Juli an, die öffentliche Beschaffung künftig verstärkt auf den innovationsstrategisch und wirtschaftlich größten Nutzen und gezielt auf Schlüsseltechnologien auszurichten. Bis Ende des Jahres will sie dazu den nationalen Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung vorlegen.

Wie gut die EU-Länder es bisher schaffen, die innovationsorientierte Rolle der öffentlichen Beschaffung wirksam auszuüben, hat die Europäische Kommission in ihrem Endbericht zum EU Innovation Procurement Observatory (i.d.F. EU-IPO), (Country Report Austria) analysiert, indem sie die nationalen Politikkonzepte und Investitionen im Bereich Innovationsbeschaffung einem Benchmarking unterzog. Begleitet wurde die Veröffentlichung durch einen Expertenbericht zu den rechtlichen Hindernissen für Innovationsbeschaffung in der EU.

Diese Entwicklungen nehmen wir zum Anlass, den Ergebnissen für Österreich die Befunde unseres Working Papers „Das Innovationsparadoxon. Strategische Ansätze zur Reduzierung der Transferlücke und Weiterentwicklung des FTI-Systems“ gegenüberzustellen, um vorhandene Stärken und noch nicht aktiviertes Wirkungspotenzial der Innovationsbeschaffung zur Lösung des Transferdefizits hervorzuheben.

Innovation Procurement Observatory: Österreich auf Platz 3 – mit lediglich 52 %

Österreich belegt im europaweiten Benchmarking der Europäischen Kommission1 mit einem Gesamtwert von 52,02 % den dritten Platz – nach Finnland (70 %) und Estland (52,43 %). Zwar liegt das Land damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt2 von 33,05 % und in der Gruppe der „moderaten Performer“, doch die Zahl offenbart auch eine wesentliche wie ernüchternde Erkenntnis: Nur rund die Hälfte der möglichen Maßnahmen zur Förderung von Innovationsbeschaffung ist tatsächlich umgesetzt.

Zu den größten Stärken des Landes zählt dem EU-IPO zufolge das robuste rechtliche Fundament, etwa das Bundesvergabegesetz 2018, und spezialisierte, kompetenzaufbauende Institutionen wie das Servicezentrum Innovationsfördernde Öffentliche Beschaffung, unter dessen Dach auch der Aktionsplan Nachhaltige Öffentliche Beschaffung umgesetzt wird und das bei der Bundesbeschaffung GmbH angesiedelt ist. Als zentral erachtet der Bericht den aus dem Jahr 2012 stammenden nationalen Aktionsplan für strategische und innovative öffentliche Beschaffung, der durch die FTI-Politik und einen umfangreichen, wenngleich fragmentierten Kompetenzaufbau gestützt wird.

Besonders hervorzuheben ist des Weiteren Österreichs Führungsrolle in der IKT-Politik, wo es im Benchmarking 100 % erreicht (Europa: 63 %). Initiativen wie die KI-Mission Österreich 2030 oder die Breitbandstrategie 2030 positionieren den öffentlichen Sektor explizit als Referenzkunden für aufstrebende Technologien. Diese Rolle ist für den Wissenstransfer von hoher Relevanz, weil sie Markteintrittsbarrieren für Start-ups und KMU senkt, Standards setzt und Märkte formt. Gleichzeitig validiert und skaliert sie Innovationen und erleichtert dadurch den riskanten Übergang von der Forschung zur Kommerzialisierung (also genau jener Abschnitt im Transferprozess, den eine Sondierungsstudie des FORWIT als zentrale Schwachstelle identifiziert).

Außerdem adressiert Österreich mit der Open Innovation Strategy das Thema der kollaborativen Innovation durch die Förderung sektorübergreifender Partnerschaften.

Diese Maßnahmen zeigen, wie Österreich öffentliche Nachfrage nutzen will, um Innovationen durch das sogenannte „Tal des Todes“ zu ziehen, also jene Phase, in der viele vielversprechende Projekte scheitern, weil sie weder aus der Forschung noch aus dem Markt ausreichend Unterstützung erhalten.

Defizite und …

Allerdings offenbart der Bericht auch eine Reihe von (systemischen) Defiziten, die u.a. das Innovationsparadoxon befördern. So definiert Österreich zwar wesentliche Aspekte und Prozesse der Innovationsbeschaffung, doch diese Definitionen weichen von den EU-Standards ab. Andere, wie etwa eine klare Abgrenzung der Early-Adopter-Phase, also der ersten 20 % der Käufer einer neuen Lösung, fehlen. Das verursacht eine regulatorische Fragmentierung, die Rechtsunsicherheit, hohen bürokratischen Aufwand und Barrieren für den grenzüberschreitenden Markt schafft – dabei ist gerade eine gemeinsame Sprache essenziell für erfolgreichen Wissenstransfer.

Der EU-Bericht verweist zudem auf das Fehlen nationaler Ausgabenziele für Innovationsbeschaffung. Die Europäische Kommission gibt einen Zielwert von 20 % vor – aktuell erreicht die EU 10,6 %, Österreich hingegen nur 2-3 % – und fordert die Einführung eines geeigneten Messrahmens. Denn ohne Zielvorgaben und KPI kann nicht nur der Fortschritt nicht festgestellt werden, es fehlen dadurch auch Anreize für Beschaffer, Innovation zu priorisieren. Würde dieses Potenzial aktiviert werden, würde sich das direkt und positiv auf die Wissensverwertung auswirken und den Argumenten unseres Working Papers für eine ergebnisorientierte, messbare FTI-Politik entsprechen.

Laut EU-IPO werden vorläufige Marktberatungen hierzulande in deutlich weniger Fällen (0,03 %) eingesetzt als im europäischen Durchschnitt (1,39 %). Dabei kann der frühzeitige Dialog zwischen Beschaffern und Innovatoren Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage reduzieren – und damit auf eine zentrale Ursache des Innovationsparadoxons, den fehlenden product-market fit, wirken: Wenn Beschaffer und Unternehmen von Anfang an zusammenarbeiten, entstehen Lösungen, die besser auf die tatsächlichen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Gegenwärtig verstärken risikoaverse Beschaffungspraktiken und ausbleibender Dialog aber das Innovationsparadoxon, weshalb wir in unserem Working Paper u.a. für experimentelle, iterative Beschaffungsansätze argumentieren.

… ungenutzte Potenziale

Entwicklungspotenzial mit Wirkung für den Wissenstransfer ortet der EU-IPO in den IPR-Regeln: Hier erzielt Österreich lediglich 25 % (Europa: 40 %), weil es kein allgemeingültiges Standardszenario für die Verteilung der IPR-Rechte zwischen Beschaffern und (Sub-)Lieferanten gibt, sodass öffentliche Beschaffer angewiesen sind, selbst die IPR-Verteilung festzulegen – und so eine weitere Fragmentierung zu befördern. Transparente, klare und standardisierte Regelungen zu geistigem Eigentum können Unternehmen ermutigen, sich an Innovationsbeschaffung zu beteiligen, denn sie stellen sicher, dass öffentlich finanzierte Forschung und Entwicklung in privatwirtschaftliche Verwertung mündet.

Auch das sektorale Ungleichgewicht lässt Potenziale bislang ungenutzt. Nur die Hälfte der österreichischen Horizontal- und Sektorpolicies – u.a. Bildung, Gesundheit und Umwelt – fördert dem Benchmarking zufolge Innovationsbeschaffung strategisch (Europa: 30 %; zum Vergleich UK: 90 %). Es darf angenommen werden, dass der kommende Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung jene Sektoren adressieren wird, die bislang noch nicht entsprechend ausgerichtet sind – darunter Bauwirtschaft, Sicherheit, Verteidigung und öffentliche Verwaltung.

In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung von missionsorientierter Beschaffung für Schlüsseltechnologien zu betonen. Wenn Österreich die Beschaffung stärker an nationalen Missionszielen ausrichtet, etwa an Klimaneutralität oder digitaler Souveränität, kann die entstehende sichere Nachfrage einen Pull-Effekt erzeugen und den Transfer in strategischen Bereichen beschleunigen. Gerade hier könnten vorhandene EU-Instrumente wie jene aus Horizon Europe oder EAFIP (Pre-Commercial Procurement, Public Procurement of Innovative Solutions) optimal genutzt und kombiniert werden. Der EU-IPO verweist dabei auf die Quantum Austria-Initiative, bei der die explizite Verknüpfungen zur Beschaffung vernachlässigt wurde und damit die Chance versäumt wird, Quantentechnologien aus dem Labor in den Markt zu bringen.

Ein weiterer Hebel wäre laut EU-IPO die Ausweitung von Risikoteilungsmechanismen, beispielsweise in Form von Zuschüssen oder Garantien für Beschaffer und Anbieter in hochriskanten, aber hochinnovativen Sektoren wie Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit. Nicht zuletzt die Ergebnisse der FORWIT-Sondierungsstudie  „From Science to Business“ zeigen, dass finanzielle Risikominimierung für den Transfer von Wissen in die Verwertung in aufstrebenden Feldern entscheidend ist, da sie Unternehmen die notwendige Sicherheit gibt, in innovative Lösungen zu investieren.

Fazit

Es stimmt zuversichtlich, dass die Bundesregierung den neuen Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung innovationsorientiert und eng verbunden mit der Industriestrategie – und damit Schlüsseltechnologien – gestalten will. Wenn dieser nationale Plan die Empfehlungen und Erkenntnisse des Innovation Procurement Observatory und des Expertenberichts zu den rechtlichen Hürden aufnimmt, können notwendige, positive Wirkungen im Wissenstransfer ausgelöst und dadurch Wertschöpfung am Standort, Arbeitsplätze und Zukunftschancen geschaffen werden.

Die Werkzeuge dazu hat Österreich. Jetzt geht es darum, sie durch den künftigen Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung klug und systemisch einzusetzen, um einen wirksamen Beitrag zur Auflösung des Innovationsparadoxons zu leisten.

____

  1. Der Endbericht vom Mai 2026 bezieht sich auf das Benchmarking von 2024.↩
  2. 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union plus Vereinigtes Königreich, Norwegen und Schweiz.↩

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Verspielt Österreich seinen Nimbus als Umweltmusterland?

19 August 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Im Sommer 2026 fallen europaweit Rekorde: wochenlange Hitzeperioden, anhaltende Trockenheit, großflächige Waldbrände in bisher nicht gekanntem Ausmaß prägen die Berichterstattung. In anderen Regionen der Erde sieht es nicht besser aus. Der Klimawandel und seine wirtschaftlichen wie sozialen Auswirkungen sind längst keine ferne Prognose mehr, sondern eine neue, wenngleich erwartete Realität, die konkrete Lösungen erfordert – und Chancen öffnet.

Chancen, die Österreich nicht ungenutzt lassen sollte und für die es – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – eigentlich gut gerüstet ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Land, das sich traditionell als Vorreiter in Umweltfragen versteht, global einen Namen als „Umweltmusterland“ gemacht, seine innovativen Energie- und Umwelttechnologien erfolgreich in alle Welt exportiert und damit einen wichtigen Beitrag für Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand geliefert.

Bewährte Stärkefelder werden vernachlässigt

Eigentlich eine ausgezeichnete Position in einem Markt, der – den Ansagen der USA und anderer zum Trotz – global stark wächst. Ökonomische Projektionen sehen den Markt für grüne Technologien – je nach Definition – bis 2034 von derzeit rund USD 33 Mrd. auf USD 211 Mrd. im Jahr 2034 anwachsen, für saubere Energie erwarten Analysten in demselben Zeitraum ein Wachstum von derzeit USD 1,3 Bio. auf USD 3,3 Bio.. Nicht ohne Grund: Von den Auswirkungen des Klimawandels sind alle Länder betroffen, und jedes Land versucht, mit den raschen Veränderungen umzugehen und klimaresistente Infrastrukturen und Technologien für die Anpassung zu entwickeln oder anzuschaffen.

Aber ausgerechnet in diesem Bereich leistet es sich Österreich, auf bewährte Stärkefelder zu verzichten: Zuletzt sind die F&E-Ausgaben in Umwelt und Klima relativ und absolut deutlich zurückgegangen, wie der FTI-Monitor 2026 eindrücklich zeigt – von durchschnittlich 75,6 % der Ausgaben der Innovation Leaders im Zeitraum 2015-2024 auf nun 50 %. Zum Vergleich: Die Spitzenreiter Japan, Finnland und Korea geben mehr als doppelt so viel für F&E in Umwelt und Klima aus wie die Innovation Leaders. Für Österreich ergeben sich daraus mehrere ungünstige Wirkungen.

 

 

1. Wir verspielen unsere Stärken.

Die Ausgangsbasis ist gut, Österreich ist weltweit als „Umweltmusterland“ bekannt – heimische Technologien im Bereich Umwelt und Energietechnologien gehören seit Jahrzehnten zu Exportschlagern. Österreich hat einen guten Ruf als Partner, auch was die Fertigung derartiger Anlagen betrifft. Diesen Status zu halten, ist kein Selbstläufer, sondern baut darauf, dass laufend neue Lösungen und innovative Technologien angeboten werden. Eine notwendige Transformation bestehender Geschäftsmodelle ist ebenfalls absehbar – Stichworte Digitalisierung, Automatisierung und KI. Inkrementelle Verbesserung reicht also nicht mehr.

2. Wir vernachlässigen den Blick auf globale Entwicklungen.

Klimawandel und Geopolitik lassen weltweit die Nachfrage nach smarten, sauberen und klimaverträglichen Technologien steigen – ganz voran Energietechnologien, aber auch solche für die Abwasser- oder Abgasreinigung wie der Bereich urbaner Technologien und Systeme, Automotive usw. Diesen rasch wachsenden Markt sollte man nicht den anderen überlassen. Es geht dabei um Klimaschutz, aber vor allem um Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Modernisierung. Das hilft auch der Industrie hierzulande.

3. Wir vernachlässigen unsere eigene Versorgungssicherheit.

Im Bereich der Energieversorgung taumeln wir von einer kostspieligen Krise in die nächste. Wir müssen unabhängiger von Energieimporten werden – nicht aus moralischen, sondern aus rein egoistischen Gründen. Die wissenschaftliche Kompetenz ist da, die Unternehmen auch – noch zumindest. Es gibt stetig neue Herausforderungen. Aber gerade im Bereich systemischer Lösungen ist Österreich Vorreiter, und das gilt es zu nutzen, um souveräner zu werden.

4. Wir ignorieren bestehendes Wissen.

Trotz Höllenhitze in stetig länger werdenden Sommerperioden vernachlässigen oder negieren wir die Notwendigkeit der zügigen Klimawandelanpassung: hier heißt es, Lösungen gemeinsam mit anderen zu entwickeln und Kooperationen mit jenen Ländern aufzubauen, von denen wir lernen können. Aber auch unsere eigene Infrastruktur, unsere Siedlungen auf neue Temperaturregimes auszurichten oder unseren Wasserhaushalt in den Fokus zu rücken und klimawandelresistente Technologien zu entwickeln. Das wirklich Unangenehme an diesem Thema ist, dass wir sehr lange Vorlaufzeiten für die konkrete und breite Umsetzung brauchen, denn hier geht es um tiefgreifende Transformationen in vielen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Umso wichtiger ist es, rasch zu handeln.

5. Wir beschaffen zu wenig innovationsorientiert.

Die öffentliche Hand ist mit einem Beschaffungsvolumen von rund € 70 Mrd. pro Jahr der größte Beschaffer in Österreich. Diese Marktmacht bietet das Potenzial, als Innovationstreiber zu wirken, Forschungsergebnisse in marktfähige Lösungen zu überführen und als Ankerkunde Skalierung am Standort zu ermöglichen – ein zentraler Hebel, um das österreichische Innovationsparadoxon zu überwinden. Nicht zuletzt der Report der Europäischen Kommission zur öffentlichen Beschaffung in Österreich attestiert jedoch, dass hierzulande zu wenig Augenmerk auf die Innovationsbeschaffung gelegt wird. Optimistisch stimmt, dass die Bundesregierung Umwelt- und Energietechnologien als eines der neun Schlüsseltechnologiefelder in ihrer Industriestrategie Österreich 2035 definiert hat und diese Felder im angekündigten Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung gezielt adressieren will. Das lässt vermuten, dass Forschung an und Entwicklung von Umwelt- und Energietechnologien künftig wieder intensiviert werden und Österreich seine Stärken stärkt. Wie schon erwähnt: je früher wir mit der innovationsgetriebenen Transformation beginnen, desto geringer sind zu erwartende Schäden.

Nutzen wir den Nimbus des „Umweltmusterlandes“

Die aufgezeigten ungünstigen Wirkungen sind nicht unvermeidbar und vor allem liegt es allein in der Hand Österreichs, hier aktiv zu werden und zielgerichtet zu investieren. Wir verfügen über das Wissen, die Unternehmen und die Infrastruktur, um in Energie- und Umwelttechnologien eine führende Rolle einzunehmen. Was dabei keinesfalls zu vernachlässigen ist: Innovative Pilotprojekte und innovative Beschaffung liefern eine vielfache Dividende – die heimische Innovationskraft wird gestärkt und sichtbar gemacht, neue und bestehende Unternehmen profitieren und letztlich können die Wirkungen des Klimawandels gemindert werden.

Österreich alleine wird den weiteren Klimawandel nicht aufhalten können. Indem wir unser technologisches Know-how verstärkt dazu nutzen, Österreich bestmöglich auf die Auswirkungen der neuen Realität vorzubereiten, gehen wir aber nicht nur als Beispiel voran, sondern nutzen den Nimbus als „Umweltmusterland“, um unsere Umwelt- und Energieinnovationen auf dem globalen Markt zu verkaufen. Und so tragen wir auch jenseits unserer Landesgrenzen zur weltweiten Klimatransformation bei.

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Artikel

Das Innovationsparadoxon: Warum Forschung zu selten in die Verwertung kommt

2 Juli 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Österreichs FTI-System ist stark: Die F&E-Quote liegt bei 3,34 %, Wissenschaft und Wirtschaft kooperieren intensiv, und in Patenten oder Exportqualität schneidet das Land gut ab. Trotz dieser Stärken in der Wissensproduktion gelingt der Transfer in die Verwertung zu selten. Dieses Innovationsparadoxon, also die Transferlücke zwischen Forschung und Markt, ist eine der größten Schwächen des Standorts und hält die Wettbewerbsfähigkeit zurück.

In einem Working Paper haben wir uns auf Basis der Ergebnisse des FTI-Monitors 2026 und den Schlussfolgerungen einer Podiumsdiskussion mit Theresia Vogel und Georg Kopetz näher mit dem österreichischen Innovationsparadoxon beschäftigt, um seine Ursachen und mögliche Lösungsansätze zu identifizieren.

Systemische Defizite bremsen den Transfer, Industriestrategie unterstützt FTI-politische Hebel

Die Gründe sind systemisch. So fehlt es etwa an Risikokapital für Deep Tech und KI – Venture Capital macht nur 0,02 % des BIP aus, der EU-Durchschnitt liegt bei 0,06 %. Die KMU-dominierte Struktur kann Skalierung oft nicht allein finanzieren, und hohe Markteintrittsbarrieren sowie langsame Genehmigungsverfahren bremsen Innovationen zusätzlich aus. Gleichzeitig hinkt die Digitalisierung hinterher: Nur 28,7 % der KMU nutzen Technologien der Künstliche Intelligenz, Spitzenländer liegen bei rund 37 %. Vor allem aber fehlen durchgängige Pfade von der IP-Entscheidung über Prototypen und Pilotkunden bis zur internationalen Skalierung. Die öffentliche Beschaffung mit ihrem Volumen von € 70 Milliarden pro Jahr wird zudem zu wenig als Innovationshebel genutzt.

Die Industriestrategie Österreich 2035 liefert wichtige Impulse für das FTI-Systems: Ein Standortfonds soll privates Kapital mobilisieren, regulatorische Sandboxes Genehmigungen beschleunigen, und innovationsorientierte Beschaffung Leitmärkte schaffen. Unser Abgleich zeigt, dass keiner der relevanten FTI-politischen Hebel in der Industriestrategie Österreich 2035 gänzlich unberücksichtigt bleibt, aus FTI-systemischer Sicht aber noch bei einigen Aspekten neben Umsetzungs- vor allem Konkretisierungsbedarf besteht – etwa bei Spin-off- und IP-Prozessen, KI und Dateninnovation oder der verbindlichen Verknüpfung von Monitoring, Steuerung und Budgetentscheidungen.

Von der Förder- zur agilen Mobilisierungslogik

Entscheidend für die Wirksamkeit des österreichischen FTI-Systems ist ein Paradigmenwechsel von einer Förderlogik hin zu einer agilen Mobilisierungslogik, die öffentliche Mittel gezielt als Hebel für private Investitionen, Markteinführungen und Transformation einsetzt. Forschung, Finanzierung und Regulierung müssen als durchgängiger, aber nicht zwangsläufig linear gedachter Prozess gesteuert werden, damit aus Wissen tatsächliche Markt- und Skalierungserfolge entstehen.

Das bedeutet aber nicht, dass Österreich ein fremdes Innovationsmodell übernehmen soll, sondern sein eigenes, das viele Stärken und Vorteile aufweist, weiterentwickeln sollte. Aufbauend auf der starken KMU-Struktur und der breiten industriellen Basis müssen europäische Skalierung, private Risikokapitalmärkte und industrielle Leitmärkte in den Mittelpunkt rücken.

Innovationsparadoxon ist eine wirtschaftliche und politische Dringlichkeit

Das österreichische Innovationsparadoxon ist, wie nicht zuletzt das Working Paper zeigt, keine theoretische Debatte, sondern eine wirtschaftliche und politische Dringlichkeit. Wenn es gelingt, das Paradoxon zu lösen, können die Potenziale des österreichischen FTI-System freigesetzt werden – und so Österreichs Wohlstand, Souveränität und Zukunftsfähigkeit gestärkt werden.

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Infografik

Forschung & Entwicklung in Österreich 2026: Finanzierung und Trends

5 Mai 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Thomas König &

Sarah Faber

 

Am 23. April 2026 veröffentlichte die Statistik Austria die aktuelle Schätzung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Österreich. Aus welchen Quellen setzen sich diese Investitionen konkret zusammen und welche Entwicklungen lassen sich bei der F&E-Quote beobachten?

Wie in Darstellung 1 ersichtlich, dominieren zwei Quellen die Finanzierung: Unternehmen tragen 43 % (€ 7,59 Mrd.), der Bund 27 % (€ 4,75 Mrd.). Zusammen stellen sie rund 70 % der gesamten F&E-Ausgaben. Der Anteil der Finanzierung aus dem Ausland beträgt etwa 16 % und stammt überwiegend von internationalen Unternehmen.

Ein von der Statistik Austria eigens ausgewiesener Bestandteil ist die Forschungsprämie, die als Steuergutschrift ein Instrument der indirekten Forschungsförderung darstellt. Ihr prognostiziertes Volumen beträgt 2026 rund € 1,3 Mrd., das entspricht etwa 7 % der gesamten F&E-Ausgaben. Die Bundesländer tragen rund 4,4 % zur Finanzierung bei, während sonstige Quellen (z. B. private Non-Profit-Organisationen) etwa 1,9 % ausmachen. Diese Anteile sind im Vergleich zu Bund und Unternehmen gering, ergänzen jedoch die Gesamtstruktur.

Insgesamt zeigt die Darstellung eine breit abgestützte, von zwei Sektoren getragene Finanzierungsstruktur. Öffentliche wie auch private Quellen spielen dabei eine zentrale Rolle, während internationale Mittel eine ergänzende Funktion einnehmen. Das führt uns zu einer zweiten Frage: Wie hat sich die F&E-Quote seit 2005 entwickelt, welche Finanzierungsquellen treiben diese Entwicklung?

 

 

Seit 2005 unterliegt die F&E-Quote einem beständigen Wachstum. Von 2,39 % in 2005 steigt sie auf 3,34 % im Jahr 2026. Damit bleibt sie zwar (noch?) unter dem politisch vorgegebenen Ziel von 4 %, die sich die Bundesregierung bis 2030 vorgenommen hat. Allerdings erweist sich, dass die F&E-Investitionen insgesamt erfreulich stabil bleiben, selbst – wie aktuell – in wirtschaftlich und fiskalisch schwierigen Zeiten.

Ein Blick auf die historische Entwicklung der F&E-Quote seit 2005 zeigt langfristige Trends in den Anteilen der Finanzierungsquellen. Die unternehmensfinanzierte F&E steigt von 1,1 % des BIP auf rund 1,4 %. Die Entwicklung verläuft dabei nicht linear: In wirtschaftlich stabilen Phasen sind Zuwächse erkennbar, während in Krisenjahren (z. B. 2009, 2020) Rückgänge auftreten. Die öffentliche Finanzierung (Bund und Länder) erhöht sich von 0,78 % auf etwa 1,0 % des BIP und entwickelt sich somit etwas moderater, aber kontinuierlich.

Die aus dem Ausland finanzierten F&E-Ausgaben bleiben mit rund 0,5 % des BIP vergleichsweise stabil. Sie zeigen keine ausgeprägten Schwankungen und tragen kontinuierlich zur Gesamtquote bei. Bemerkenswert ist der Anstieg bei der Forschungsprämie: Ihr Anteil an den gesamten F&E-Ausgaben ist von 2 % (2005) auf rund 7 % (2026) gestiegen, bei etwa verzehnfachtem Volumen, während andere Finanzierungsquellen sich im Vergleich nur etwa verdoppelt oder knapp verdreifacht haben.

Insgesamt zeigt die Darstellung einen langfristigen Wachstumstrend mit stabilen Beiträgen aus mehreren Finanzierungsquellen. Unterschiede zeigen sich vor allem in der Dynamik: Während öffentliche und ausländische Mittel relativ konstant verlaufen, reagieren Unternehmensausgaben stärker auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

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Kommentar

Evidenz, Expertise, Vertrauen: Was Politik heute wirklich braucht

1 April 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Thomas König &

Sarah Faber

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Evidenzinformierte Politik ist mehr als ein Schlagwort – sie ist ein politisches Programm, das ursprünglich in der Gesundheitspolitik entwickelt wurde und heute quer durch Politikfelder wirkt. Gleichzeitig zeigt sich gerade in der österreichischen Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik (FTI), dass dieses Ideal nicht einfach „eins zu eins“ übernommen werden kann, sondern an die spezifischen Kontexte angepasst werden muss.

Evidenz ist aber auch nur eine Möglichkeit – unter mehreren – des Aufbereitens wissenschaftlichen Wissens für politisches Handeln. Ein anderes Format ist die Expertise. Zwischen den beiden Formaten gibt es klarerweise viele Übergänge. Wir als FORWIT sind ein Expert:innengremium. Wir beanspruchen für uns aber auch, mit Evidenz zu operieren. Was wir sehen, ist, Politikberatung, auch die wissenschaftliche, fungiert oftmals mit dem Format der Expertise und beruht stark auf Vertrauen in die Ratgeber:innen; idealerweise ist dabei viel Evidenz und wenig Eigeninteresse aufgenommen. Die Grenze zum Lobbyismus ist dabei fallbezogen zu beurteilen – als Beispiel könnte man diverse Denkfabriken mit einschlägigem Bias anführen. In diesem Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität positioniert sich der FORWIT und trägt unabhängig, systematisch und fundiert zur Weiterentwicklung der österreichischen FTI-Politik bei.

Dabei wird schnell klar: Es gibt nicht die eine Evidenz. Denn Evidenzen sind immer auch eingebettet in ein Betrachtungssystem. Es gibt zwar das Ideal, dass Evidenz möglichst hart und eindeutig sein muss – messbar, quantitativ, scheinbar unbestreitbar.  Aber erstens sind diese „harten“ Evidenzen oftmals nicht verfügbar – und dann besteht die Gefahr, dass man nur dort hinschaut, wo man diese Art von „harter Evidenz“ hat, und blendet andere Probleme und Herausforderungen damit aus. Zweitens sind auch „harte“ Evidenzen bei genauerer Betrachtung gar nicht so hart – Stichwort (regional)spezifische Definitionen oder Systemgrenzen. Und drittens gibt es mithin auch eine Reihe von „weichen“ Evidenzen, die ebenfalls ziemlich wichtig sind: Beobachtungen, historische Entwicklungen, Diskurse und Meinungen. Darüber hinaus wird letztlich jede politische Entscheidung auch andere Lebensbereiche mitberücksichtigen müssen, als nur den FTI-Bereich. Permanentes Beispiel derzeit sehen wir in der Verschränkung von Wirtschafts-, Industrie- und FTI-Politik. Oder, dann, wenn wissenschaftlicher Rat in einer akuten Krise eingeholt wird.

Die Kunst evidenzinformierter Politik besteht darin, diese unterschiedlichen Wissensformen produktiv miteinander zu verschränken, statt sie hierarchisch gegeneinander auszuspielen.

Wie wird harte Evidenz politisch wirksam?

Der FTI-Monitor des FORWIT zeigt exemplarisch, wie das gelingen kann – und wo die Herausforderungen liegen. Mit mehr als 200 Indikatoren – also sehr „harten“ Evidenzen – bildet er jährlich die Leistungsfähigkeit des österreichischen FTI-Systems im internationalen Vergleich ab. Als datenbasiertes Fundament schafft er Transparenz über Stärken und Schwächen, Entwicklungen im Zeitverlauf sowie den Umsetzungsstand der FTI-Strategie 2030. Er liefert damit eine zentrale Grundlage für strategische Entscheidungen und wirksame FTI-Politik. Aber diese – auf den ersten Blick – sehr „harten“ Evidenzen werden erst dann politisch wirksam, wenn sie interpretiert, kontextualisiert und plausibilisiert werden.

Genau hier setzt die weitere Arbeit des FORWIT an: jährliche Berichte, Analysen und Empfehlungen übersetzen Zahlen in Orientierungswissen für Entscheidungsträger:innen und machen sichtbar, welche Fragen sich aus den Daten überhaupt stellen – und welche politischen Handlungen daraus abgeleitet werden können. Es ist diese „weiche“ Arbeit, die die harte Evidenz erst relevant macht. Und dann bleibt immer noch die Frage: wird das politisch überhaupt wahrgenommen?

Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass wissenschaftliche Politikberatung nicht nur über öffentlich sichtbare Produkte wie Berichte, Dashboards oder Studien läuft, sondern – wie zuvor erwähnt – maßgeblich von Vertrauen geprägt ist. Der FORWIT arbeitet als formal eingerichtetes Gremium, das die Bundesregierung in zentralen Fragen der FTI-Politik berät und Empfehlungen erarbeitet. Vertrauliche Gespräche mit politischen Entscheidungsträger:innen sind dabei kein „informeller Hinterkanal“, sondern ein notwendiger Raum, in dem Expertise wirksam werden kann: Man spricht offen über Beobachtungen, Zweifel, blinde Flecken – und entwickelt auf dieser Basis Vertrauen in die Qualität der Beratung. Problematisch wird es erst dort, wo informelle Netzwerke, persönliche Kontakte und Ad-hoc-Kommunikation formalisierte Strukturen ersetzen.

Das Vertrauensverhältnis ist zwar ein Kernkriterium, international gibt es aber unterschiedliche Modelle dazu, wie man dies herstellen kann. Ein bereits seit den 1960er-Jahren bestehendes Modell ist etwa die Position des oder der Government Chief Scientific Adviser (GCSA) in Großbritannien. Eine solche Struktur macht die Auswahl der Personen, die beraten, transparent. Zugleich erlauben sie sehr explizit den Aufbau von Vertrauensverhältnissen.

Man muss das nicht 1:1 nachbauen, Österreich braucht sein eigenes Ökosystem. Was ich aber auch sagen will: In Österreich lamentieren wir gerne über die Informalität vulgo „Verhaberung“, wir lassen ihr jedoch insofern Spielraum, weil wir offizielle Strukturen, mit denen vertrauensvoller Austausch unter kontrollierten Bedingungen möglich wird, bisher wenig etabliert haben oder wenn, dann nur ad hoc, vereinzelt und ohne Gelegenheit zu lernen.

Quantitative Überwältigung durch KI

Ein zukunftsfähiges Ökosystem evidenzinformierter Politik müsste daher beides verbinden: die Anerkennung vielfältiger Evidenzformen und ein gemeinsames Verständnis von Qualität und Integrität in der Art und Weise, wie diese Evidenzen erhoben, verarbeitet und genutzt werden. Denn Evidenz beantwortet letztlich nicht, welche Fragen politisch gestellt werden – sie liefert aber gute, oft instruktive Antworten auf die Fragen, die man ihr stellt. Gerade in einer heterogenen Akteurslandschaft – Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – braucht es deshalb immer wieder Verständigungsprozesse darüber, welche Themen auf Basis welcher Evidenzen bearbeitet werden sollen und wie transparent diese Prozesse nach außen gemacht werden. Integrität entsteht dann nicht nur aus der „Härte“ der Daten, sondern aus nachvollziehbaren Verfahren, in denen Daten interpretiert, mit anderen Wissensformen abgeglichen und in politische Programme übersetzt werden. Der FTI-Monitor kann hier als gemeinsamer Bezugspunkt dienen: Er macht Entwicklungen sichtbar, legt Indikatoren offen und bietet damit eine geteilte Datengrundlage, auf die sehr unterschiedliche Akteur:innen zurückgreifen können.

Mit der rasanten Ausbreitung von KI wird diese Gemengelage noch komplexer. Einerseits weil eine Art Übersättigung eintreten kann: seitens der KI werden wir mehr und mehr „harte“ Evidenzen sehen, vielleicht bis zu einem Punkt, wo dieses politische Programm der evidenzbasierten Politik an Plausibilität und Überzeugungskraft verloren haben wird.1Warum? Die KI-basierte Evidenzproduktion ist ja nicht nur quantitativ überwältigend, sondern auch unglaublich schnell. Die Validierungsmechanismen für Evidenzen dieser reinen Quantität und rasenden Geschwindigkeit könnten nicht mehr hinterherkommen.

Und andererseits könnte der umgekehrte Effekt eintreten, nämlich Lähmung durch Einordnungsnotstand. Wenn harte Evidenzen immer einfacher verfügbar, per KI direkt und für jeden zugänglich werden, könnten die Kompetenzen der Einordnung wichtiger werden, die man gemeinhin unter dem Namen Expertise zusammenfasst: Also Kontextwissen, Plausibilisierung und Abwägung verschiedener Evidenzen im Lichte der politischen Vorgänge, in denen sie sich bewegen. Ich bin überzeugt, dass hier das hauptsächliche „Playing Field“ besser wohl „Battle Field“ stattfinden wird.

Abschied von in Stein gemeißelter Evidenz

Fazit: Eine Politikgestaltung, die sich zu Evidenzbasierung bekennt, sollte im Auge behalten, dass es wichtig ist, wozu Evidenz angehört wird. Evidenz per se beantwortet nicht, welche Fragen zu stellen sind und auch nicht, wie die Evidenzen dann in politische Programme umgesetzt werden.

Angesichts der zuvor angesprochenen Vielfalt der Akteure braucht es daher immer wieder Verständigung darüber, welche Themen basierend auf welchen Evidenzen behandelt werden sollen. Auf diese Weise kann man zu Integrität und Qualität gelangen. Eine Vision für ein sinnvolles Ökosystem wäre dementsprechend: eines, in dem die Involvierten bereit sind, unterschiedliche Evidenzen zu respektieren, in dem sie offen sind für unbequeme Einwände und bereit dazu, Fragen umzuformulieren oder dass andere Fragen gestellt werden. Auch muss man sich wohl von einer in Stein gemeißelten aussagekräftigen Evidenz verabschieden, ein kritisches Hinterfragen ist stets nötig, denn die Kapazitäten sind begrenzt.

 

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wider, nicht notwendigerweise die des FORWIT.

  1. Auch ohne KI gibt es hierzulande bereits jetzt eine Reihe an Einrichtungen, die jeweils im eigenen Subsytem – und oftmals Silo – agieren und Evidenz schaffen: So gibt es außer dem FORWIT beispielsweise den Fiskalrat, den Produktivitätsrat, die Bioethikkommission, die Kommission zur langfristigen Finanzierung der Alterssicherungssysteme, das ASCII, den Creative Industries-Rat, den Startup-Rat, den Beirat zur Wasserstoffstrategie, die Plattform des Aktionsplans nachhaltige öffentliche Beschaffung oder das Disaster Competence Network Austria.↩

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Artikel

Industriestrategie: Von der Leitlinie zur wirksamen Innovationsarchitektur

11 März 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Thomas König &

Sarah Faber

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer

stv. Geschäftsführerin

Anfang März erschien eine Kurzanalyse des Büros des Produktivitätsrates1 und von Mitautor:innen zur Industriestrategie Österreich 20352. Ihre zentrale Aussage: die Strategie ist ein wichtiger Schritt, in ihrer jetzigen Form jedoch noch zu programmatisch und zu wenig umsetzungsreif. Die Kurzanalyse würdigt also die strategische Richtung, kritisiert jedoch, dass es an klarer Operationalisierung, Zuständigkeiten, Finanzierungslogik und einer belastbaren Steuerungsarchitektur mangelt. Genau diese Elemente müssten aus Sicht der Autor:innen nachgeliefert werden, damit aus einem politischen Leitdokument ein wirksames industriepolitisches Instrument wird.

Was das konkret in der Umsetzung bedeuten kann, soll in diesem Artikel durch historische und aktuelle Evidenz untermauert werden: Die historische Evidenz liefert eine Publikation von Hartog et al.3, die aktuelle liefern Lin, Frey und Wu4.

Historische Evidenz als Zugang zum strukturellen Wandel von Innovation

Warum ist es sinnvoll, die Publikation von Hartog et al. im Zusammenhang mit der Kurzanalyse des Büros des Produktivitätsrates näher zu beleuchten, obwohl die historischen Daten aus dem Zeitraum 1856 bis 1945 stammen? Will man den strukturellen Wandel in der Organisation von Innovation empirisch sichtbar machen, braucht es einen Beobachtungszeitraum, in dem sich unterschiedliche historische Datenquellen belastbar miteinander verknüpfen lassen. Hartog et al. zeigen, dass dies für den US-Fall gerade deshalb möglich ist, weil sich Patent-, Census- und Labordaten in diesem Zeitraum überschneiden.5 Dadurch lässt sich empirisch belegbar nachweisen, wann und unter welchen organisatorischen Bedingungen sich das US-Innovationssystem nachhaltig strukturell verändert hat. Dass die Organisationsfrage nicht nur historisch relevant ist, zeigt auch die aktuelle Evidenz im Paper von Lin, Frey und Wu. Die Autoren analysierten insgesamt 20 Millionen wissenschaftliche Artikel und 4 Millionen Patentanmeldungen über einen Zeitraum von rund einem halben Jahrhundert.

Zentrale Aussagen und Befunde der Kurzanalyse

Die Industriestrategie Österreich 2035 setzt die richtigen Ziele, ist aber noch kein belastbarer Umsetzungsplan. Österreich hat erstmals eine ressortübergreifende Industriestrategie mit 6 strategischen Zielen, 117 Maßnahmen und 9 Schlüsseltechnologiefeldern vorgelegt. Der Hauptkritikpunkt der Kurzanalyse ist, dass viele Maßnahmen noch nicht als klar steuerbare Interventionen mit Roadmaps, Verantwortlichkeiten und Budgetlogik ausgestaltet sind.

Der Wandel zu einem innovationsstarken Wirtschaftssystem gelingt Hartog et al. zufolge aber nicht durch bloß abstrakte Prioritätensetzung, sondern vor allem dort, wo neue technologische Suchprozesse organisatorisch getragen werden – durch Teams, Firmen und Forschungslabore. Die aktuelle Evidenz von Lin, Frey und Wu ergänzt diesen Befund um eine wichtige Gegenwartsdimension: Selbst in einer digital vernetzten Wissensökonomie bleibt die Art und Weise, wie Teams zusammenarbeiten und ob sie auf physische Nähe, gemeinsame Infrastrukturen und direkte Interaktion zurückgreifen können relevant. Das macht die Organisationsfrage für die österreichische Industriestrategie noch drängender.

Das eigentliche Problem der österreichischen Industrie wird nur unzureichend zugespitzt. Die Kurzanalyse betont, dass Österreichs traditionelle industrielle Spezialisierung und das exportgetriebene Wachstumsmodell unter Druck geraten sind. Ein Umstand, der auch im FTI-Monitor des FORWIT seit 2022 deutlich wird. Nötig ist daher – so die Kurzanalyse – nicht nur eine Anpassung, sondern ein beschleunigter struktureller Wandel hin zu neuen Wachstumsfeldern.

Hartog et al. belegen diesen makroökonomischen Befund nicht unmittelbar, liefern aber eine wichtige Ergänzung für die Frage, unter welchen Bedingungen ein solcher Strukturwandel innovationsseitig gelingen kann: Historische Evidenz aus den USA zeigt, dass der Übergang in ein neues Innovationsregime stark von organisatorischen Trägern wie Teams, Ingenieur:innen und industriellen Forschungslaboren abhängig war und davon, wie dieses Wissen zusammengeführt wurde. Folglich braucht es für einen Wechsel in neue, komplexere Wachstumsfelder nicht nur Technologie, sondern zusätzlich entsprechende institutionelle und organisationale Träger. Ein Ergebnis, das auch Lin, Frey und Wu belegen. Die Autoren zeigen auf, dass räumlich verteilte Teams im Durchschnitt seltener breakthrough-orientierte Ideen hervorbringen als vor Ort zusammenarbeitende Teams, weil frühe konzeptionelle Arbeit mit viel tacit knowledge, also stillem Wissen, schwerer digital zu integrieren ist. Das bedeutet, dass es für den Übergang in neue Wachstumsfelder entsprechende Innovationsräume braucht.

Die Schwerpunktsetzung bei den Schlüsseltechnologien ist noch zu unscharf. Die Industriestrategie benennt neun Schlüsseltechnologien und ein dafür vorgesehenes Budget von rund € 2,6 Mrd. bis 2029. Laut Kurzanalyse ist jedoch unklar, ob das tatsächlich eine neue Prioritätensetzung darstellt, denn ein Großteil der Mittel ist offenbar ohnehin bereits in diesen Bereichen gebunden. Gefordert wird daher nicht die bloße Aufzählung strategischer Technologiefelder, sondern eine präzisere Eingrenzung von Stärkefeldern und Förderschwerpunkten innerhalb dieser Technologien.

Doch selbst wenn technologische Schwerpunktfelder politisch sinnvoll gewählt sind, ist damit noch nicht beantwortet, wie in diesen Feldern tatsächlich neue industrielle Dynamik, marktfähige Innovation und skalierbare Wertschöpfung entstehen sollen. Hartog et al. zeigen historisch, dass technologische Aufbrüche vor allem dort an Kraft gewinnen, wo sie mit tragfähigen Organisationsformen verbunden sind – etwa mit dauerhaften F&E-Strukturen, engen Verbindungen zwischen Wissenschaft und Unternehmen, kompetenten Teams sowie systematisch aufgebauten Transferkapazitäten. Lin, Frey und Wu werden noch konkreter: Schlüsseltechnologien benötigen nicht nur Förderbudgets, sondern vor allem physische und organisationale Träger als Übersetzer – etwa Innovation Hubs, Cluster, Shared Lab Spaces, Pilotanlagen, Testumgebungen und andere anwendungsnahe Forschungsinfrastrukturen. Genau dort entscheidet sich häufig, ob aus technologischen Potenzialen marktfähige und skalierbare Innovationen werden. Das bedeutet: Wenn innerhalb der neun Schlüsseltechnologien tatsächliche Stärkefelder definiert werden sollen, muss zugleich festgelegt werden, über welche Innovationsökosysteme. Die Industriestrategie nennt solche Elemente bereits selbst; der zusätzliche Erkenntnisgewinn aus Hartog et al. und Lin, Frey und Wu besteht darin, diese Systeme nicht als bloß begleitende Maßnahmen, sondern als zentrale Träger einer wirksamen Schlüsseltechnologiepolitik zu verstehen.

Ein Schwachpunkt ist die Governance. Die Kurzanalyse macht deutlich, dass es in der Industriestrategie unklar bleibt, wer für die Maßnahmen politisch, administrativ und operativ verantwortlich ist, wie Ressorts zusammenarbeiten sollen und wie Bund, Länder, Gemeinden und die EU eingebunden werden. Gefordert wird daher ein echter „Whole of Government“-Ansatz mit klaren Rollen, Zuständigkeiten und Eskalationsmechanismen.

Auch Hartog et al. liefern für diese Feststellung eine starke argumentative Stütze, weil sie Organisationsinnovationen selbst als Treiber technologischen Fortschritts beschreiben. Governance ist damit nicht bloß Verwaltungsdetail, sondern Teil der Innovationsstrategie selbst: Wer Teams, Forschung, Transfer und industrielle Anwendung nicht institutionell organisiert, schwächt die Innovationswirkung der Strategie. Die Befunde von Lin, Frey und Wu bekräftigen diese Argumentation: Wenn räumliche Nähe, Ko-Präsenz und die Qualität kollaborativer Settings für disruptive Innovationen relevant bleiben, dann müssen Governance und Strategie auch regeln, wo und wie solche Innovationsräume entstehen, betrieben und miteinander verknüpft werden.

Viele Maßnahmen sind noch nicht ausreichend konkret und die Finanzierungslogik bleibt unklar. Rund 60 % der Maßnahmen enthalten zumindest teilweise eher Absichtserklärungen oder Problembeschreibungen statt klar operationalisierbarer Eingriffe; bei mehr als der Hälfte bleibt offen, ob zusätzliche Mittel nötig sind und wie diese finanziert werden sollen, so die Kurzanalyse.

Historisch erfolgreich war die industrielle Forschung, wie Hartog et al. zeigen, vor allem durch langfristige Planungshorizonte, stabile Ressourcen und eine enge Anbindung an konkrete industrielle Missionen. Das unterstützt die Forderung der Kurzanalyse nach mehrjährigen Budgetpfaden, klarer Priorisierung und einer belastbaren Finanzierungsarchitektur. Die aktuelle Evidenz (Lin, Frey und Wu) zu remote vs. on-site collaboration deutet zudem darauf hin, dass Investitionen in geteilte Infrastrukturen, Pilotumgebungen und physische Innovationsräume nicht als Nebenaspekt behandelt werden sollten, sondern als produktivitätsrelevante Bestandteile einer innovationsorientierten Industriepolitik.

KPI Monitoring alleine reicht nicht aus. Ein zentraler Punkt der Kurzanalyse ist, dass makroökonomische Kennzahlen allein keine belastbare Aussage über die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zulassen. Erforderlich dafür sind explizite Wirkungslogiken, Prozessziele, Meilensteine, Evaluierungen und vertiefende Analysen.

Hartog et al. werden diesbezüglich noch konkreter: Innovationssysteme verändern sich über Teamarbeit, Qualifikationsprofile, Wissenschaftsbezug, räumliche Konzentration und Teilhabe. Lin, Frey und Wu erweitern diese Sicht um die Qualität der Zusammenarbeit selbst. Ein gutes Monitoring sollte daher nicht nur high-level KPI, sondern auch Kooperationsstrukturen, Transferaktivitäten, Fachkräfteprofile, regionale Konzentration und Inklusion erfassen – und zusätzlich beobachten, ob physische Innovationsinfrastrukturen tatsächlich genutzt werden, wie stark Forschung und Unternehmen ko-präsent zusammenarbeiten und wo Co-Lokation oder geteilte Forschungsumgebungen zur Entstehung neuer Ideen beitragen.

Die empfohlene Lösung sind handlungsfeldspezifische Roadmaps. Die Autor:innen der Kurzanalyse schlagen vor, die jeweiligen Handlungsfelder der Industriestrategie in Roadmaps zu übersetzen, die Ziele, Maßnahmen, Ressourcen, Zuständigkeiten, Zeitpfade und Meilensteine systematisch verbinden.

Auch Hartog et al. legen auf Basis ihrer historischen Analyse nahe, dass Roadmaps nicht nur Technologielisten oder Förderinstrumente enthalten sollten, sondern zudem die organisatorischen Träger der Innovation benennen müssen: Wo entstehen anwendungsnahe F&E-Kapazitäten? Wer koordiniert Wissenschaft-Unternehmen-Verbindungen? Wie werden Teams, Ingenieurkompetenzen und wiederholte Kooperationen aufgebaut? Lin, Frey und Wu legen nahe, diesen Roadmapping-Ansatz noch weiter zu konkretisieren: Roadmaps sollten ausweisen, welche physischen Innovationsräume in den jeweiligen Feldern aufgebaut oder gestärkt und genutzt werden sollen und welche Rolle sie im Transfer von Forschung in industrielle Anwendung spielen.

Monitoring, Evaluation und Policy Learning sollen als lernendes System aufgesetzt werden. Die Industriestrategie sieht vor, dass der Produktivitätsrat das Monitoring übernehmen soll, außerdem sollen spezialisierte Forschungseinrichtungen Evaluierungen durchführen. In der Kurzanalyse vorgeschlagen werden ex-ante-Wirkungsabschätzungen, begleitende Evaluationen, ex-post-, sektorale und regionale Analysen sowie die Nutzung von Mikrodatensätzen, Patent- und Projektinformationen und Horizon Scanning.

Den Sinn einer evidenzbasierten Steuerung unterstreichen auch Hartog et al.: Sie zeigen, dass sich die Innovationswirkung bestimmter Organisationsformen im Zeitverlauf verändern kann – so verlor etwa die firmengestützte Teamforschung nach 1950 einen Teil ihrer radikalen Neuheitsdynamik. Gerade deshalb ist ein lernendes, adaptives Steuerungssystem sinnvoller als eine statische Instrumentenlogik.

Wichtig erscheint des Weiteren die Verbindung der Industriestrategie mit Hochschul- und Fachkräftepolitik. Hartog et al. zeigen, dass der Aufstieg industrieller Forschung historisch eng mit höherer Bildung, dem Aufkommen von Ingenieur:innen, wachsendem Wissenschaftsbezug und neuen Formen universitärer Einbindung zusammenhing. Das stützt den Befund der Kurzanalyse, dass eine Technologiestrategie ohne abgestimmte Hochschul-, Transfer- und Fachkräftepolitik unvollständig bleibt.

Gründungen, Start-ups, Scale-ups und Spin-offs. In der Industriestrategie Österreich 2035 wird auf Gründungen, Start-ups, Scale-ups und Spin-offs mehrfach eingegangen. Besonders deutlich ist das im Handlungsfeld „Forschung, Technologie & Innovation“: Dort ist von der „Skalierung von Start-ups als künftige Industrieunternehmen“ die Rede, außerdem werden Start-ups, Scale-ups und Spin-offs ausdrücklich als wichtige Impulsgeber des Technologietransfers und als potenzielle Industrieunternehmen von morgen bezeichnet. Zusätzlich sollen in den Leistungsvereinbarungen der Universitäten Technologietransfer- und Spin-off-Maßnahmen sowie Entrepreneurship-Education gestärkt werden. Weiters werden Förder- und Beratungsmaßnahmen für Unternehmensgründung und -skalierung wie Spin-off Fellowships, Pre-seed, Seed financing und Shared Lab Spaces genannt.

In der Kurzanalyse wird das Thema nicht als eigener Schwerpunkt ausgearbeitet und nur indirekt berührt. Dennoch wird kritisiert, dass die Industriestrategie das bestehende FTI-Fördersystem nicht systematisch darauf überprüft, ob es eine „tragfähige Pipeline junger, wachstumsstarker Unternehmen“ hervorbringt und damit die Entstehung zukünftiger Leitbetriebe unterstützt. Das Thema bleibt ohne klar gebündelte Transfer- und Skalierungslogik über verschiedene Handlungsfelder verstreut.

Genau hier liegt ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Start-ups und Spin-offs: Lin, Frey und Wu argumentieren, dass frühe, konzeptionelle Innovationsphasen besonders stark von räumlicher Nähe und direkter Zusammenarbeit profitieren. Folglich sind Shared Lab Spaces, Cluster, Pilotumgebungen und anwendungsnahe Innovationsökosysteme gerade für forschungsnahe Start-ups und Spin-offs keine Randfrage, sondern Teil einer funktionierenden Transferarchitektur. Ihre Rolle als Träger des Transfers von Forschungsergebnissen in Wertschöpfung und Markt sollte daher explizit, systematisch und mit eigener Wirkungslogik verankert werden.

Schlussfolgerung

Die Richtung der Industriestrategie stimmt, aber ohne präzise Wirkungslogik, klare Verantwortung, Budgetpfade, Roadmaps und ein robustes Monitoring bleibt sie praktisch zu schwach. Hartog et al. zeigen historisch, dass technologische Dynamik dort besonders stark war, wo Teams, Ingenieur:innen und industrielle Forschungslabore organisatorisch zusammengeführt wurden. Lin, Frey und Wu bestätigen die historische Perspektive mit aktueller Evidenz: Auch heute bleibt räumliche Nähe für breakthrough-orientierte Innovationen relevant.

Für Österreich folgt daraus eine klare Leitlinie: Industriepolitik darf sich nicht darin erschöpfen, Schlüsseltechnologien zu benennen und Fördermittel zuzuweisen. Sie muss zugleich die organisatorischen und physischen Voraussetzungen für Innovation aktiv gestalten – also Governance, lernfähige Roadmaps, anwendungsnahe F&E-Strukturen, Cluster, Shared Lab Spaces, Pilot- und Testinfrastrukturen sowie eine konsistente Transfer- und Skalierungslogik für Start-ups, Scale-ups und Spin-offs. Erst dann kann die Industriestrategie 2035 von einer programmatischen Leitlinie zu einem wirksamen Instrument industrieller Erneuerung werden.

  1. Büro des Produktivitätsrates und Mitautor:innen, Kurzanalyse, Industriestrategie Österreich 2035: Von der programmatischen Leitlinie zur wirksamen Umsetzungs- und Steuerungsarchitektur↩
  2. BMWET, Industriestrategie Österreich 2035 – für einen wettbewerbsfähigen Industriestandort und wirtschaftliche Resilienz.↩
  3. Matte Hartog, Andres Gomez-Lievano, Ricardo Hausmann, Frank Neffke: „Inventing modern invention: The professionalization of technological progress in the US“, Research Policy, Elsevier, Volume 55, Issue 3, 2026↩
  4. Lin, Y., Frey, C.B. & Wu, L.: „Remote collaboration fuses fewer breakthrough ideas“, Nature 623, 987–991, 2023↩
  5. Verknüpft wurden digitalisierte Patentjahrbücher des U.S. Patent and Trademark Office ab 1856, US-Amerikanische Census-Daten von 1850 bis 1940 – mit Ausnahme von 1890 – und Erhebungen zu industriellen Forschungslaboren ab 1920. Nur in dieser zeitlichen Überschneidung können Patente nicht bloß gezählt, sondern sowohl mit Beruf, Alter und Geburtsland der Erfinder als auch mit dem organisationalen Kontext von Firmen und Laboren verknüpft werden.↩

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Artikel

Fokus, Governance, Transfer: Leitlinien des FTI-Pakts 2027-2029

6 März 2026

Sonja Sheikh &

Thomas König

Olga Litvyak &

Thomas König

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Martin Wagner &

Alexandra Mazak-Huemer

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Thomas König &

Sarah Faber

Theresia Vogel

stv. Vorsitzende

Alexandra Mazak-Huemer

stv. Geschäftsführerin

Alexandra Mazak-Huemer &

Martin Wagner

Mit dem am 24. Februar 2026 im Ministerrat beschlossenen FTI-Pakt 2027-2029 setzt Österreich den strategischen und finanziellen Rahmen für Forschung, Technologie und Innovation für die kommenden drei Jahre neu. Der neue FTI-Pakt markiert dabei nicht nur eine Fortsetzung, sondern auch einen klaren Akzentwechsel gegenüber dem aktuell laufenden: Während der FTI-Pakt 2024-2026 stark als Krisen- und Resilienzrahmen verstanden wurde, rückt für 2027-2029 die geopolitisch geprägte Wettbewerbsfähigkeit stärker in den Vordergrund – verbunden mit dem Anspruch technologischer Souveränität, einer deutlich sichtbaren Fokussierung auf Schlüsseltechnologien und einer engen Verschränkung mit der Industriestrategie 2035.

Balance im Policy Mix

Die Budgethistorie macht deutlich, warum der FTI-Pakt in der Stakeholder-Debatte sowohl als Signal der Stabilität als auch als Anlass für Diskussionen gelesen wird. Ursprünglich wurden im Bundesfinanzrahmengesetz (BFRG) 2025 rund € 5,24 Mrd. für den FTI-Pakt veranschlagt. Angesichts der sich zuspitzenden budgetären Situation wurde dieser Betrag durch die Task Force Förderungen (BMF) um rund € 197 Mio. reduziert. Gleichzeitig führten Umschichtungen zugunsten der Grundlagenforschung im Rahmen des FTI-Pakts im Umfang von rund € 450 Mio. zu einem Gesamtbudget von rund € 5,5 Mrd. – nominell also einem Plus von rund 5 % gegenüber dem Anschlag im BFRG (bzw. rund 10 % gegenüber dem FTI-Pakt 2024-2026 mit ursprünglich € 5,05 Mrd.). Aus makroökonomischer Perspektive fällt dieses Plus jedoch deutlich kleiner aus: Nach WIFO-Experten-Einschätzung entspricht die nominelle Erhöhung über drei Jahre real einem sehr begrenzten Zuwachs von unter 1 % jährlich, weil Inflation und insbesondere die Gehaltsentwicklung in den betroffenen Einrichtungen einen großen Teil der nominellen Steigerung absorbieren dürften. Zusätzlich prägt ein „Earmarking“ in Richtung Industriestrategie die Mittelverwendung: Insgesamt sind hier rund € 2,6 Mrd. allokiert (BMFWF € 900 Mio., BMWET € 717 Mio., BMIMI € 1.042 Mio.). In der Ressortaufteilung liegen rund drei Milliarden Euro beim BMFWF, rund € 1,7 Milliarden beim BMIMI und € 728 Mio. beim BMWET – wobei BMIMI und BMWET stärker dem angewandten Bereich zugeordnet werden.

Genau diese Konstellation erklärt einen Teil der öffentlichen Diskussion über die Balance im Policy Mix: Mehr Gewicht für Grundlagenforschung bei gleichzeitigem Druck, angewandte Dynamik und Transferfähigkeit spürbar zu erhöhen.

Schlüsseltechnologien im Fokus

Die Schwerpunktverschiebung ist nicht nur semantisch, sondern strukturell angelegt. Der FTI-Pakt 2027-2029 macht die Schlüsseltechnologie-Offensive zur leitenden Klammer und operationalisiert sie über klarer benannte Technologie- und Stärkefelder. Damit wird die Erwartung an das System geschärft, Innovationspfade gezielt dort zu beschleunigen, wo internationaler Wettbewerb, strategische Abhängigkeiten und Skalierungschancen besonders hoch sind. Das ist für die Steuerung attraktiv, birgt aber auch den klassischen Policy Trade-off: Je stärker fokussiert wird, desto wichtiger wird, wie Breite und Offenheit – insbesondere in der themenoffenen Grundlagenforschung – weiterhin als Pipeline für künftige Schlüsseltechnologien abgesichert bleiben.

Governance soll geschärft, Innovationstransfer gestärkt werden

Neu bzw. deutlich geschärft wurde außerdem die Governance-Logik. Der Pakt 2027-2029 setzt stärker als zuvor auf Steuerungsfähigkeit über indikatorbasiertes Monitoring, Output- und Meilensteinlogiken, Portfolio-Straffung sowie eine systematische Vereinfachung und Digitalisierung – inklusive Once-Only-Prinzip für Forschungsinformationen und No-Stop-Shop-Ansätzen in Verfahren und Schnittstellen. Das ist eine klare Einladung an Ressorts, Förderagenturen und nachgelagerte Einrichtungen, Prozesse weniger kleinteilig, datenbasierter und für Antragstellende reibungsärmer zu gestalten. Der Nutzen liegt auf der Hand: sinkende Transaktionskosten, schnellere Entscheidungen, höhere Transparenz über Wirkung und Zielbeiträge. Gleichzeitig ist die Kehrseite ebenso eindeutig: Ohne abgestimmte Datenstandards, rechtliche Klarheit (Datennutzung, Nachweislogik, Haftungsfragen) und kompatible IT-Architekturen droht die Vereinfachung in Insellösungen zu enden – mit dem Risiko, dass der Koordinationsaufwand lediglich verlagert, statt reduziert wird.

Inhaltlich wird der Transferauftrag spürbar nach vorne gezogen. Der Pakt adressiert die Input-Output-Lücke expliziter und verknüpft sie mit einer end-to-end gedachten Instrumentenlogik über den Innovationszyklus: von Prototypen und Demonstratoren über Pilotanlagen bis hin zu Scale-up und Roll-out, flankiert durch die Idee, Barrieren zwischen TRL systematisch zu schließen und neue Instrumente dort zu entwickeln, wo das bestehende Portfolio Lücken lässt. Für die Praxis bedeutet das, dass Förderagenturen, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungs- und Technologieorganisationen (RTO – anwendungsnahe Einrichtungen, die häufig als Brücke zwischen Wissenschaft und Markt agieren) noch stärker auf Umsetzungsfähigkeit, Kooperation mit Unternehmen, Testbeds und Skalierung ausgerichtet werden. Das ist eine klare Strategieentscheidung: Wirkung soll nicht nur über Exzellenz im Erkenntnisgewinn, sondern stärker auch über Geschwindigkeit und Diffusion in Wertschöpfung sichtbar werden.

Europäische Anschlussfähigkeit, Forschungssicherheit und Dual use

Zwei weitere Querstränge sind ebenso relevant. Erstens die europäische Anschlussfähigkeit: Der FTI-Pakt bereitet die Logik der EU-Finanzperiode ab 2028 expliziter vor und diskutiert stärker die Kopplung nationaler Rahmenbedingungen mit EU-Programmen – inklusive Optionen, exzellente, aber nicht finanzierte EU-Projekte national „aufzufüllen“. Zweitens rücken Forschungssicherheit und Dual use als Querschnittsthemen deutlicher ins Systemdesign: Das erhöht Anforderungen an Risiko- und Awareness-Strukturen und kann zusätzliche Compliance-Aufwände auslösen, verbessert aber zugleich die Passfähigkeit zu EU- und internationalen Sicherheitslogiken und reduziert strategische Blindspots in sensiblen Technologien.

Das Fazit ist damit weniger die Frage, ob der Pakt richtig ist, sondern wie er umgesetzt wird. Der FTI-Pakt 2027-2029 richtet die Leitlinien klarer auf Fokus, Steuerbarkeit und Transferwirksamkeit aus und erweitert das System um europäische und sicherheitspolitische Anschlusslogiken. Ob daraus tatsächlich mehr Geschwindigkeit, weniger Reibung und sichtbarere Wirkung entsteht, entscheidet sich an drei Punkten: der konsequenten Harmonisierung von Daten und Prozessen (Once-Only nicht nur als Motto), der Portfolio-Disziplin (weniger Kleinteiligkeit, klare Lückenlogik) und der Fähigkeit, Transfer und Skalierung so zu stärken, dass die Debatte um die Balance zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung nicht zum Dauerstreit wird, sondern zu einer nachweisbaren Verbesserung der Gesamtperformance des österreichischen FTI-Systems führt.