Rede des Vorsitzenden anlässlich der Präsentation des FTI-Monitors 2025
Sehr geehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrter Herr Bundesminister, sehr geehrte Frau Staatssekretärin,
sehr geehrte Vertreter und Vertreterinnen des österreichischen FTI- und Wissenschaftssystems!
Ich möchte kurz auf den soeben präsentierten FTI-Monitor eingehen. Viele in Europa beneiden uns um dieses Instrument. Alexandra Mazak-Huemer bekommt regelmäßig Anfragen von verschiedenen Ländern und Verwaltungen, die ein ähnliches Instrument bauen wollen. Einer der Vorteile des FTI-Monitors ist, dass er bereits seit vier Jahren online ist und eine intuitive Bedienung erlaubt. Damit kann sich jede und jeder von Ihnen selbst mit den Ergebnissen beschäftigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass der FTI-Monitor vergleichend operiert, auch über Europa hinaus. Das erlaubt uns, Leistungen immer im Verhältnis zu anderen Ländern und FTI- und Wissenschaftssystemen zu sehen.
Nicht zuletzt beinhaltet der FTI-Monitor historische Zeitreihen und wird dadurch von Jahr zu Jahr wertvoller – er ermöglicht uns, Entwicklungen nachzuvollziehen. Auch für uns im FORWIT ist der FTI-Monitor regelmäßig die Ausgangsbasis unserer Analysen und Empfehlungen und Stellungnahmen. Seit mehr als 15 Jahren hat die Geschäftsstelle an der Bewertung und Einschätzung der inzwischen mehr als 260 Indikatoren gearbeitet. Das ist ein enormer Wissensschatz, der da aufgebaut wurde.
Wissenschaftspolitik und Forschungspolitik sind manchmal das Gegenteil von rational und vernünftig.
Thomas A. Henzinger
Wir assoziieren Wissenschaft und Forschung gemeinhin mit Rationalität, Vernunft und Objektivität. Die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler gehen dorthin, wo die Daten, wo die Evidenz sie hinführen. Wenn ich etwas gelernt habe als Präsident des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) und jetzt als Vorsitzender des FORWIT, so ist es, dass Wissenschaftspolitik und Forschungspolitik manchmal das Gegenteil von rational und vernünftig sind. Wie jede Politik sind sie oft reaktiv und impulsiv, zuweilen bestimmt von Partikularinteressen – und ja, auch das: emotional.
Evidenz – vor allem bei der Wirkungsmessung – ist nicht nur sehr schwer herzustellen. Evidenz ist auch nicht immer in dem vielleicht erwünschten Ausmaß die Ausgangsbasis von Entscheidungen. Vielleicht, so sagt der Wissenschaftler in mir, ist das auch okay so. Die Politik muss andere Dinge einbeziehen als kalte Zahlen. Indikatoren alleine sind nie ausreichend, um politische Entscheidungen zu begründen und durchzuführen. Aber sie stellen doch so etwas wie Orientierungshilfen dar und können Gegenbeispiele zu Thesen liefern. Vor allem können sie helfen, eine Debatte zu versachlichen und gemeinsame Ziele zu formulieren. Darin liegt der wahre Wert des FTI-Monitors.
Als FORWIT ist es unsere Aufgabe, die Bundesregierung zu unterstützen. Als unabhängiger Rat ist es unsere Rolle, Empfehlungen und mögliche Handlungsoptionen basierend auf der vorhandenen Evidenz abzugeben. In dieser Runde muss ich wohl niemand davon überzeugen, dass Wissenschaft, Forschung und Innovation zentral für die zukünftige Prosperität und Sicherheit unseres Landes sind.
Sobald die Rede auf das 4-%-Ziel kommt, beginnen viele, die daraus abzuleitenden Millionen für ihre Einrichtung, ihre Agentur, ihre Sektion hochzurechnen. Diese Rechnung wird nicht aufgehen.
Thomas A. Henzinger
Es ist, salopp gesagt, doch recht erleichternd für uns alle in der Ratsversammlung, dass wir nun eine Bundesregierung haben, die grosso modo derselben Überzeugung ist. Aber es wäre gleichzeitig auch vermessen zu behaupten, dass im österreichischen Hochschul- und FTI-System nichts hinterfragt werden könne. Sobald die Rede auf das Ziel einer Forschungsquote von 4 % kommt – das richtigerweise so im Regierungsprogramm steht – beginnen viele, die daraus abzuleitenden Millionen für ihre Einrichtung, ihre Agentur, ihre Sektion hochzurechnen. Diese Rechnung wird nicht aufgehen.
Nicht nur, weil die Budgetsituation tatsächlich ernst ist. Nicht nur, weil eine Krise dazu verwendet werden sollte, Effizienzen zu heben und Vorhaben, die sich überholt haben, zu streichen. Nicht nur, weil auch der private Sektor – eine der, wie der FTI-Monitor zeigt, ausgewiesenen Schwächen Österreichs – überdurchschnittlich zur Zielerreichung von 4 % beteiligt werden sollte. Sondern vor allem, weil, selbst wenn jetzt jedes Instrument und jedes Detail der Wissenschafts- und Forschungspolitik optimal ausgerichtet wären, dies ganz sicher nicht heißen kann, dass alle aliquot weiterwachsen müssen.
Alle Systeme brauchen Erneuerung – neue Ideen und neue Prioritäten – um wettbewerbsfähig zu bleiben. Um uns herum steht niemand still. Für Forschung und Innovation gilt das noch mehr als für Anderes. Die neue Regierung sollte also Entscheidungen treffen, auch wenn diese nicht leichtfallen. Dazu möchte ich an alle anwesenden Mitglieder der Bundesregierung appellieren und sie einladen: verwenden Sie uns. Im FORWIT haben sie den unabhängigen Ansprechpartner, der versucht, nur ein Interesse im Auge zu haben: die Zukunft der Republik. Auch – und gerade dann –, wenn der daraus folgende Rat nicht immer bequem ist.
Alle Systeme brauchen Erneuerung – neue Ideen und neue Prioritäten – um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Thomas A. Henzinger

Ich möchte abschließend kurz drei Vorhaben erwähnen, zu denen wir bereits im Austausch mit den Beamtinnen und Beamten stehen und die Konzeptionalisierung begonnen haben. Das erste ist der FTI-Pakt 2027-29. Der wurde aus dem Doppelbudget 2025-26 herausgehalten und muss noch in diesem Jahr verhandelt und abgeschlossen werden. Die schwierigen Entscheidungen wurden also bisher vertagt. Es ist abzusehen, dass in Zeiten der Budgetkonsolidierung nicht das Wachstum vergangener Legislaturperioden erreicht werden kann. Damit kommt dem Pakt diesmal eine ganz besondere Rolle zu: Es gilt, Prioritäten zu setzen und unter Umständen auch Instrumente, die wir liebgewonnen haben, in neuem Licht zu betrachten.
Ich möchte mich in diesem Zusammenhang auch bei allen bedanken, die geholfen haben, den Fonds Zukunft Österreich für nächstes Jahr nicht ganz zu streichen. Dieser Fonds gehört nämlich genau zu jenen Instrumenten, die eine Prioritätensetzung in der Forschungspolitik ermöglichen.
Zweitens hat sich die Bundesregierung eine ambitionierte Hochschulstrategie 2040 vorgenommen. Das halte ich persönlich für sehr richtig und wichtig. Denn die Hochschulen sind zentral, wenn es um die Produktion, Vermittlung, Diffusion und Anwendung von wissenschaftlichem Wissen geht. Ich glaube, dass diese Auflage genutzt werden kann, um die Hochschullandschaft in Österreich klarer zu strukturieren und den Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts anzupassen.
Vor allem aber halte ich es aus demokratiepolitischen Gründen für unabdingbar, dass die Anzahl der Hochschulabsolventinnen und -absolventen – insbesondere aus bildungsfernen Schichten – steigt. Ich habe es schon oft gesagt und wiederhole mich trotzdem bei jeder Gelegenheit: Bildung ist unsere effektivste – und vielleicht unsere einzige – Maßnahme gegen Populismus und Extremismus.
Es steht nicht weniger als der Fortbestand der europäischen Idee auf dem Spiel.
Thomas A. Henzinger
Drittens ist der FORWIT dabei, bei den beiden wohl größten Themen unserer Zeit – Künstliche Intelligenz und Sicherheit, insbesondere Forschungssicherheit – mitzuwirken. Es ist hier allerdings weder der Ort noch die Zeit, über diese beiden Themen zu dozieren.
Eine Mahnung sei mir trotzdem erlaubt. Es steht nicht weniger als der Fortbestand der europäischen Idee auf dem Spiel – nachhaltiger Wohlstand in Freiheit und Rechtsgefüge, im Gegensatz zum Recht des Stärkeren. Mit diesen wenig ermutigenden Worten darf ich Sie jetzt dennoch zum gemeinschaftlichen Austausch anregen. Denn das ist eine Stärke Österreichs.
FORWIT/J. Zinner
Igor Omilaev