Studieren in Österreich: Potenziale nutzen, Chancengerechtigkeit stärken
Die Tatsache, dass hierzulande viele Studierende ihr Studium nicht in der regulären Studiendauer absolvieren, ist schon länger evident. Deshalb hat sich die Ende 2024 eingesetzte FORWIT-Arbeitsgruppe Studieren in Österreich umfassend mit den Rahmenbedingungen des Studierens beschäftigt, um der Frage nachzugehen, wie effizientes Studieren an österreichischen Hochschulen ermöglicht werden kann. Nun liegen die Ergebnisse und Schlussfolgerungen in einer Empfehlung an die Bundesregierung vor.
„Unsere Analysen weisen auf einen dringenden Handlungsbedarf in zwei eng miteinander verknüpften Problemkomplexen hin: zum einen die unbefriedigende Anzahl an Absolvent:innen bei zugleich geringer sozialer Durchlässigkeit, zum anderen Ineffizienzen im Studienverlauf wie etwa lange Studiendauer oder hohe Abbruchquoten – insbesondere im universitären Sektor. Das beeinträchtigt nicht nur die individuellen Bildungsbiografien, sondern schwächt gleichermaßen die Innovationsfähigkeit, die Flexibilität am Arbeitsmarkt, die gesellschaftliche Kohäsion und demokratische Resilienz des Landes“, erläutert Thomas Henzinger, Vorsitzender des FORWIT.
Die Empfehlung des Rates umfasst zehn Handlungsoptionen, die kritische Aspekte wie Studienwahl, Planbarkeit, Verbindlichkeit und Leistbarkeit adressieren, aber auch das Hochschulsystem in Summe betreffen.
Die richtige Studienwahl: Frühe Orientierung und durchlässige Zugänge
„Die richtige Studienwahl muss schon früh in der Schule bestmöglich unterstützt werden.“
Jörg Flecker
Eine verbindliche Bildungs- und Berufsorientierung ab der Sekundarstufe I soll Jugendliche kontinuierlich bei der Entwicklung ihrer Interessen und Kompetenzen unterstützen. Eine virtuelle Toolbox für Berater:innen und Online-Self-Assessments können Informationsdefizite abbauen und die Studienwahl verbessern. „Die richtige Studienwahl muss schon früh in der Schule, spätestens jedoch in der Studieneingangs- und Orientierungsphase bestmöglich unterstützt werden“, sagt Jörg Flecker, Mitglied der Arbeitsgruppe.
Um die Durchlässigkeit des Systems zu erhöhen, empfiehlt der FORWIT, die Studienberechtigung zu reformieren. Neben der Matura als Hauptzugangsweg sollten alternative Zugangswege für High Potentials mit nicht-gymnasialer Schullaufbahn geschaffen werden. In der Studieneingangsphase würde ein überfachlicher Onboarding-Prozess klare Informationen zu Leistungsanforderungen, Studienalternativen und Karriereoptionen vermitteln. Besonders im Fokus sollte die Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit, insbesondere in MINT-Fächern, durch gezielte Fördermaßnahmen wie Mentoring und Kohortenbildung stehen.
Planbarkeit im Studium: Moderne Studienorganisation für mehr Verbindlichkeit und Studienerfolg
Eine moderne Studienorganisation mit evidenzbasierten Curricula, transparenten Studienverlaufsempfehlungen und intensiveren Betreuungsangeboten soll die Studiendauer verkürzen und Drop-out-Quoten senken. Flexible Studienmodelle wie bspw. ein Teilzeitstudium können den Hochschulzugang für Personen mit unterschiedlichem Bildungshintergrund erleichtern und die Verbindlichkeit sowohl für die Studierenden als auch für die Universitäten erhöhen.
Eine Reform des Studienrechts und der Prüfungsordnung soll den Studienverlauf verlässlich planbar machen. Entscheidend ist, Verbindlichkeit primär über positive Anreize und unterstützende Strukturen zu schaffen. Die Förderung von Lernkohorten kann dabei helfen, der Anonymität des Massenbetriebs entgegenzuwirken. „Das Ziel muss sein, dass für möglichst viele Studierende ein Bachelorstudium in der Regelstudienzeit zum Normalfall wird“, betont Henzinger.
Leistbarkeit des Studiums: Chancengerechtigkeit erhöhen, strukturelle Hürden reduzieren
„Den Investitionen stehen eine erhöhte Effizienz des Hochschulsystems und positive volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte gegenüber.“
Jörg Flecker
Die Leistbarkeit des Bachelorstudiums in Regelstudienzeit muss für alle Studierenden, die ein Studium zielstrebig betreiben, ohne umfangreiche Nebenerwerbstätigkeit gewährleistet sein. Eine sozial ausgewogene Studienbeihilfe sollte Studierende aus einkommensschwachen Haushalten entlasten und strukturelle Hürden reduzieren. Um den Kreis der Förderberechtigten zu erweitern, sollten die Einkommensgrenzen für die Studienbeihilfe angepasst werden. Ein staatlich garantiertes Studiendarlehen für Studierende knapp über der Beihilfengrenze und Abschlussstipendien können die Notwendigkeit studienverzögernder Erwerbstätigkeit reduzieren. „Den dazu notwendigen Investitionen stehen dabei eine erhöhte Effizienz des Hochschulsystems und positive volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte gegenüber“, so Flecker.
Entwicklung des Hochschulsystems: Strategischer Ausbau von Studienplätzen und Internationalisierung
„Die strategische Weiterentwicklung des Hochschulsystems erfordert ein koordiniertes Zusammenwirken der Hochschulssektoren.“
Thomas Henzinger
Die Erhöhung der Absolvent:innenzahlen sollte mit einem Ausbau der Fachhochschulkapazitäten einhergehen, wobei die Unterscheidung zwischen Universitäten und Fachhochschulen durch klar definierte Profile bewahrt bleiben muss. Der Ausbau von Studienplätzen muss evidenzbasiert erfolgen und sich an gesellschaftlichen Transformationsprozessen orientieren. „Die strategische Weiterentwicklung des Hochschulsystems erfordert ein koordiniertes Zusammenwirken der Hochschulssektoren. Dazu müssen die politischen Leitlinien und die systemischen Anforderungen des Hochschulraums in Einklang gebracht werden“, meint Henzinger.
Die Internationalisierung der Hochschulen ist ein zentraler Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit. Eine zukunftsorientierte Strategie sollte die gezielte Gewinnung, Integration und langfristige Bindung internationaler Talente in den österreichischen Arbeitsmarkt unterstützen. Gestaffelte Studienbeiträge könnten mit einem Bleibeanreiz versehen werden, indem bei einem Verbleib am österreichischen Arbeitsmarkt Rückzahlungen erfolgen.
Studienbedingungen im Kontext der Hochschulstrategie 2040
„Wir regen die Bundesregierung an, die Empfehlung direkt in den Prozess zur Hochschulstrategie 2040 einzubringen.“
Thomas Henzinger
„Die nun vorliegende Empfehlung an die Bundesregierung enthält die Ergebnisse und Schlussfolgerungen umfangreicher Recherche- und Analysearbeit sowie internationaler Vergleiche“, erklärt Thomas Henzinger. Dass der Abschluss der Arbeit zeitlich in die Entwicklung der Hochschulstrategie 2040 fällt, ist aus seiner Sicht eine glückliche Fügung. „Um unsere Erkenntnisse wirksam zu nutzen, regen wir die Bundesregierung an, die Empfehlung direkt in den Prozess zur Hochschulstrategie 2040 einzubringen.“ Vor dem Hintergrund der aktuell geführten Diskussionen zur Zukunft der österreichischen Hochschulen liefert sie eine ergänzende und wesentliche Perspektive auf die Rahmenbedingungen für Studium und Lehre.
Ian Ehm/Univie
A. Günther/FSU Jena