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Transfer von Wissen in Verwertung: Das Kernproblem des FTI-Systems

10. Juli 2026 — News

Johannes Zinner/FORWIT

Eine Podiumsdiskussion anlässlich der Veröffentlichung des FTI-Monitors 2026 am 26. Mai 2026 setzte sich mit Österreichs Innovationsfähigkeit im internationalen Vergleich auseinander. Moderiert von Martin Wagner diskutierten Alexandra Mazak-Huemer, Theresia Vogel und Georg Kopetz über die österreichische Transferfähigkeit in Wissensproduktion und -verwertung.

Österreich liegt zum Zeitpunkt der Podiumsdiskussion auf Platz 8 im European Innovation Scoreboard (Gruppe der Strong Innovators), und strebt mit der FTI-Strategie an, bis zum Jahr 2030 zu einem Innovation Leader aufzusteigen. Während das Land in F&E-Investitionen, wissenschaftlicher Qualität und Kooperationsstrukturen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand gut aufgestellt ist, zeigen sich deutliche Defizite beim Transfer von Wissen in marktfähige Innovationen.

Mazak-Huemer: Österreichs Wissensproduktion und -verwertung im internationalen Vergleich

Alexandra Mazak-Huemer (stellvertretende Geschäftsführerin des FORWIT und Projektleiterin des FTI-Monitors) lieferte die Analyse als Grundlage für die Diskussion und skizzierte ein differenziertes Bild: Österreichs Stärken liegen in hohen F&E-Investitionen (3,34 % des BIP, rund € 17,6 Mrd.), einer soliden industriellen Basis sowie einer guten wissenschaftlichen Qualität mit starken Kooperationsstrukturen. Gleichzeitig zeigte sie aber auch strukturelle Schwächen auf: Die Hochschulausgaben pro Studierendem (US$ 23.000, KKP-bereinigt) liegen deutlich unter denen der Innovation Leaders (rund US$ 26.000) – Spitzenreiter wie die Schweiz investieren US$ 32.000 (letzte verfügbare Daten der OECD). Bei den MINT-Absolvent:innen hinkt Österreich hinterher, es sei denn, man bezieht die Absolvent:innen berufsbildender höherer Schulen (HTL) mit ein, die allerdings oft direkt ins Berufsleben einsteigen, anstatt ein weiterführendes Studium zu verfolgen.

Bei der Forschungsfinanzierung (71 % private Finanzierung, über EU-Durchschnitt) und der öffentlichen Förderung (0,94 % des BIP, Platz 2) gibt es Licht und Schatten: Zwar ist die öffentliche Finanzierung stark, doch die Input-Output-Ratio stimmt nicht – Österreich investiert viel, generiert aber zu wenig marktwirksame Innovationen. Besonders kritisch analysierte Mazak-Huemer die Wissensverwertung: Österreich leidet unter einer zu schwachen Transferleistung, insbesondere bei new-to-market– und new-to-firm-Innovationen. Der Innovationsumsatz der KMU liegt deutlich unter dem Niveau der Vergleichsländer, und bei Patenten (triadische Patente, Superpatente) gibt es Rückstände – die Lücke zu den Innovation Leaders schließt sich nur, weil diese schlechter werden, nicht weil Österreich besser wird.

Daran anschließend problematisierte Mazak-Huemer weniger eine einzelne Förderlücke als die Grenzen einer linearen, input- und projektorientierten Förderlogik. Forschung, frühe Kooperationen und technologische Weiterentwicklung werden zwar vergleichsweise gut unterstützt; die nachgelagerten Schritte in Richtung Verwertung, Markteintritt, Erstkunden, private Folgefinanzierung und internationale Skalierung sind jedoch nicht ausreichend durchgängig organisiert. Gerade für Start-ups, junge Unternehmen und KMU bedeutet dies, dass Förderung stärker mit klaren Marktpfaden, risikofähigem Wachstumskapital, industriellen Ankerkunden, innovationsorientierter Nachfrage und regulatorischen Erprobungsräumen verbunden werden muss. Österreichs Stärke in Systemintegration, industrieller Kompetenz und technologischem Upgrading bleibt ein wichtiger Ausgangspunkt; sie reicht allein aber nicht aus, wenn neue Technologiefelder, Geschäftsmodelle und wissensintensive Dienstleistungen nicht schneller in skalierbare Wertschöpfung überführt werden.

Kopetz: Skalierung ermöglichen, privates Kapital aktivieren und Risikobereitschaft fördern

Georg Kopetz (Ratsmitglied und TTTech-Vorstand) prägte die Diskussion mit klaren Forderungen nach mehr Tempo und unternehmerischem Mut. Er kritisierte, dass Österreichs Innovationssystem zu langsam agiere und zu wenig in die Skalierung von Unternehmen investiere. Als Gegenbeispiele führte er Israel und Südkorea an: Israel setze auf eine lebendige Start-up- und Venture-Capital-Kultur mit schnellen Gründungen und Börsengängen, während Südkorea durch gezielte Top-down-Strategien in Schlüsseltechnologien wie Halbleitern und KI globale Marktführerschaft erreiche. Kopetz betonte, Österreich müsse von beiden Ansätzen lernen, ohne sie eins zu eins zu kopieren. Besonders wichtig sei es, private Investitionen in Deep-Tech-Unternehmen zu mobilisieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, die internationale Investoren anziehen. Er warnte davor, sich zu sehr auf staatliche Förderungen zu verlassen, und forderte stattdessen eine stärkere Verbindung von privater Finanzierung mit öffentlicher Unterstützung.

Ein zentrales Anliegen von Kopetz war die Skalierung österreichischer Unternehmen zu globalen Playern. Er verwies auf die Abhängigkeit von deutschen Industriepartnern, die als „Lokomotive“ für österreichische KMU fungiert hätten – ein Modell, das angesichts der aktuellen globalen Verschiebungen nicht mehr ausreiche. Stattdessen brauche es neue „Lokomotiven“, also große, skalierbare Unternehmen, die KMU mitziehen und Wertschöpfung im Land halten. Als konkrete Maßnahmen nannte er die Schaffung eines Dachfonds, der private und öffentliche Gelder bündelt, um Deep-Tech-Start-ups zu finanzieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Zudem betonte er die strategische Bedeutung von Raumfahrt, Halbleitern und Photonik sowie die Notwendigkeit, in Dual-Use-Technologien zu investieren, um nachhaltige Wertschöpfung zu sichern.

Kopetz’ Fazit war unmissverständlich: Österreich müsse den privaten Sektor stärken, um die soziale Marktwirtschaft langfristig finanzierbar zu halten. Nur durch mehr unternehmerische Initiative, risikobereite Investitionen und eine Kultur, die Innovation als Chance begreift, könne das Land seine Wettbewerbsfähigkeit sichern.

Vogel: Auf Exzellenz, internationale Sichtbarkeit setzen und Ruf als Umweltmusterland nutzen

Theresia Vogel (stellvertretende Vorsitzende und Transformationsexpertin) lenkte den Fokus auf die internationale Sichtbarkeit und Exzellenz der österreichischen Hochschulen. Sie betonte, dass Exzellenz in Forschung und Lehre die entscheidende „Währung“ für globale Attraktivität sei – ähnlich wie im Spitzensport zähle nur der „Stockerlplatz“. Österreichs Hochschulen müssten sich stärker in internationalen Rankings positionieren, um kluge Köpfe anzuziehen und Wertschöpfung zu generieren. Vogel kritisierte, dass Österreich sich zu oft mit einem Platz „über dem Mittelfeld“ zufriedengebe, statt ins Spitzenfeld vorzudringen.

Ein weiteres zentrales Thema für Vogel war die Vernachlässigung globaler Marktentwicklungen bei Energie- und Umwelttechnologien. Sie warnte davor, die Klimadebatte zu ideologisch zu führen, und forderte stattdessen pragmatische Lösungen, die wirtschaftliche Chancen nutzen. Österreich habe als Umweltmusterland eine starke Ausgangsposition, die es durch Innovation in Umwelt- und Energietechnologien ausbauen müsse. Besonders betonte sie die Notwendigkeit, klimaresistente Infrastrukturen und Technologien für die Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln – ein Bereich, in dem Österreich bereits über Kompetenzen verfüge, diese aber zu wenig nutze. Verschärfend komme nun hinzu, dass die F&E-Ausgabe in Umwelt & Klima zuletzt deutlich zurückgegangen sind – mit Implikationen auf den erwähnten Ruf des Umweltmusterlands und bei einem global wachsenden Markt.

Vogel plädierte zudem für eine langfristigere, anpassungsfähige FTI-Strategie. Sie forderte, bestehende Branchen schrittweise durch neue, zukunftsträchtige Felder wie Quantentechnologien zu ergänzen und die Innovationskultur in der Bevölkerung zu stärken. Ihr Appell: Österreich müsse stolz auf seine Innovationen sein und diese aktiv kommunizieren, um die Begeisterung für Forschung und Technologie zu wecken.

Fazit

Alexandra Mazak-Huemer brachte die zentrale Herausforderung im Fazit der Diskussion auf den Punkt: Österreich muss den Übergang von einem primär inkrementellen Innovationsmodell zu einem transformativen, agilen und skalierungsfähigen FTI-Modell schaffen, das Forschung, Transfer, Finanzierung, Nachfrage, Regulierung und internationale Markterschließung durchgängig verbindet.

Während Kopetz die mangelnde Skalierung und private Finanzierung als zentrales Hindernis identifizierte und die Datenlage und strukturellen Defizite in der Wissensverwertung aufzeigte, betonte Vogel die Notwendigkeit von Exzellenz, internationaler Sichtbarkeit und einer langfristigen, global ausgerichteten Strategie. Alle drei unterstrichen, dass Österreich nur durch eine Kombination aus unternehmerischem Mut, gezielter Förderung, klarer Vision und einer Stärkung des Transfers seine ambitionierten Ziele erreichen kann.

Hinweis: Die Inhalte und Schlussfolgerungen der Podiumsdiskussion flossen in das Working Paper „Das österreichische Innovationsparadoxon“ ein.

https://forwit.at/wp-content/uploads/2026/07/ftim26-1.jpg 900 1600 Martin Wagner https://forwit.at/wp-content/uploads/2025/10/FORWIT_Logo_Pfeil_kurz_weiss-1.svg Martin Wagner2026-07-10 11:03:152026-07-13 12:36:00Transfer von Wissen in Verwertung: Das Kernproblem des FTI-Systems

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